
Der
Ort, an dem ich aufgewachsen bin, war kein Dorf, keine Stadt, nur eine
langgestreckte, überdimensionale Kreuzung: Zwei Landesstraßen kreuzten
eine Bundesstraße, zwei Bahnstrecken mündeten in einen Bahnhof, zwei
Stromtrassen bündelten sich in einem Umspannwerk.
Der
Ort, an dem ich aufgewachsen bin, war ein sumpfiges Tal, ausgewaschen, in
die Hügel eingegraben, von zwei Bächen, die hier ineinander flossen.
Sonst lief nichts zusammen. Die Begegnungen blieben ohne Zusammenhang.
Der
Ort, an dem ich aufgewachsen bin, war ein Knotenpunkt, der mich einschnürte,
in den ich verwickelt war. Jede Bewegung war eine Trennung.
Das
Tal war ganz in Wald eingefaßt. Man brauchte auf der einen Seite nur die
Straße zu überqueren, auf der anderen die Schienen, um in den Waldsaum
einzutauchen. Man konnte die steilen Hänge hinauf klettern, auf den
zerfallenen Turm der Burgruine steigen und nach allen Seiten schauen:
Wald. Hügelketten, in unbewegter Bewegung, eine Karawane alter, grüner
Dromedare, mit geschwungenen Rücken und zerklüfteten Höckern, die zu
einer unsichtbaren Ebene hin wogten.
Ein
Fernweh-Bild, das melancholische Gefühle verursachte. Man mußte sie aus
der Brust reißen und in den Himmel werfen. Dann wurden sie zum Bussard,
der im Fahrstuhl der warmen Luft steil ins Blaue schoß. Man mußte sie
wie einen schweren Stein ins Tal schleudern. Dann wurden sie zum Güterzug,
der ratternd im Tunnel verschwand.
Wenn
man die Straße von Osten kam, stieß man auf eine Fabrikhalle, in der
Boote aus Polyester gebaut wurden. Hinter der Halle dümpelten die
fertigen Jachten im hohen Gras und warteten auf wohlhabende
Schuhfabrikanten. Vom Wind bewegt, wurde die Wiese ein grüngelber See,
auf dem kleine Wellen liefen. Die Boote schienen langsam davon zu
treiben, weg aus ihrer absurden Existenz in dem engen Seitental, hin zu
einem
imaginären, weiten Meer.
Es
gab kaum "richtige" Häuser, aber jede Einrichtung war von
Wohnblocks flankiert. Nüchterne, schmucklose Kästen am Bahnhof, am
E-Werk, am Umspannwerk. Dazu eine Eisenbahnwerkstatt, ein Lager einer Straßenbaufirma,
ein Hotel und eine Bar an der Straße, die alte Mühle am Bach, die später
zu einem Restaurant mutierte und "historisch" getauft wurde.
Es
ist schwer heute in den Wald zu gehen. Ein endloses Balancieren zwischen
Idylle und Apokalypse. Man darf vor lauter Wald die ahlen Äste, die
kraftlos hängenden Nadeln, das vorzeitig gelb gefärbte Laub nicht übersehen.
Mehr als jeder zweite Baum ist hier am Krepieren. Kein Baum, der über
hundert Jahre und gesund wäre. Es ist gefährlich, vor lauter sterbenden
Bäume den Wald nicht mehr zu sehen. Festhalten am Wald als Utopie. An
ihre Verwirklichung glauben.
Als
es noch Dampflocks gab, war im Winter der Schnee rußig. Als man sie
abwrackte, wurde er auch nicht weiß. Das Sichtbare ist das
Ungefährliche.
Die schönen, dunklen Tümpel im Schilf waren Bombentrichter:
Kreisrunde, schillernde Augen, von Rohrkolben bewimpert. Am Saum brüteten
Wildenten. Wenn man mit Steinen nach Forellen im Bach warf, zog man
manchmal Granaten aus dem Schlick.
Ein
Munitionszug, der nach einem Bombenangriff im Bahnhof explodiert war,
hatte sie in das Tal und in den Wald gestreut. Nach dem Krieg wurden
Schienen demontiert, die Bahnstrecken wurden eingleisig. Von da an
fuhren die Züge langsamer und seltener ins Grenzland. Nun sollen die
Strecken ganz stillgelegt werden.
In
den Wäldern gab es alte, betonierte Unterstände und brüchige Stollen.
Wir schlüpften durch die engen, bröckelnden Röhren und suchten nach Schätzen
oder Waffen. Waffen haben wir keine gefunden, die Schätze sehen
anders aus, als wir sie uns vorgestellt hatten.
Manche
Stollen haben das Kriegsende unbeschadet überlebt. Grün gestrichene
Panzertüren versperren dort jede Schatzsuche. "Military Area"
ist mit weißer Schablonenschrift auf sie gepinselt. Kleine betonierte
Wege führen zu ihnen. Die "EmmPih", die Militärpolizei, fährt
mit einem Jeep Streife. Zehn Kilometer tiefer im Wald sind neue Schächte
gebaut worden. Es gibt Fahrstühle für Militärtransporter, die mehrere
Stockwerke in die Tiefe fahren. Das Lager ist nachts in grelles Licht
getaucht. Bösartig glänzen die kleinen Klingen am NATO-Draht, der dreifach
um das Lager gezogen ist. Es gibt einen verminten Korridor und einen
Hunde-Laufgang. Die Schäferhunde jaulen und bellen, wenn man sich dem Gelände
nähert. Manche Leute fahren, um sich zu gruseln, nachts auf den Waldstraßen
an dem Lager vorbei, immer im Lichtkegel des Suchscheinwerfers auf den
Wachtürmen.
Die
einzig intakte Infrastruktur im Grenzland ist und war die militärische.
Den letzten Wirtschaftsboom in der Westpfalz machte der Chefredakteur der
Pirmasenser Zeitung vor 50 Jahren aus, als der Westwall gebaut wurde. Acht
Millionen Tonnen Zement, 1,2 Millionen Tonnen Stahl, 20,5 Millionen
Tonnen Zuschlagstoffe und 950 000 Festmeter Holz wurden zwischen 1938
und 1940 entlang der Westgrenze für Bunker, Panzersperren und Stollen
verbaut. Gesamtkosten des "germanischen Limes": 3,5 Milliarden
Reichsmark. Nie zuvor hat es ein vergleichbares Bauprogramm in den
Grenzgebieten gegeben. Allein zwischen Pirmasens und Zweibrücken wurden
900 Bunker aus dem Boden gestampft. Über 350 000 Menschen arbeiteten
zeitweise an "Deutschlands Sicherheit in Beton und Stahl", wie
Adolf Hitler den Westwall glorifizierte.
Wir
spielten in den gesprengten Ruinen, die von Farnen und Brombeerhecken
phantastisch überwuchert im Wald lagen.
Der
Krieg war weitergezogen, irgendwohin, weit weg nach Südost-Asien.
Manchmal rollten lange Lazarettzüge durch den Bahnhof. Die Fenster
waren verhangen, man konnte nichts erkennen. An der Verladerampe hinter
dem Bahnhof wurden pausenlos Panzer verladen. Kleine Schützenpanzer und
riesige Kampfpanzer mit Kanonen, die von den Eisenbahn-Waggons rollten, an
unseren Haus vorbei dröhnten, den Asphalt der Straße aufrissen. Wir
standen den ganzen Tag dabei, sahen den Soldaten zu, die mit
Vorschlaghämmern
die hölzernen Bremsklötze von den Waggons hieben. Sie schwitzten mit
nacktem Oberköper in der Sonne. Manchmal bekamen wir ein Päckchen
Kaugummi
geschenkt.
Eine
Spedition baute große Lagerhallen neben unser Haus. Davor zimmerten sie
Kisten für Übersee-Umzüge. Ein Gabelstapler pickte sie auf und lud sie
in Lastwägen.
Zur
Werbung stellten sie eine monumentale Plastik vor die Hallen. Es war
eine geschwungene, rostrot lackierte Stahlschiene, die drei gestaffelte
Raketen
trug. Sie hingen wie groteske Früchte über der Bundesstraße.
"Land, Luft, See," lautete die Inschrift auf ihren Körpern.
Als
die Straße verbreitert wurde, haben sie die Raketen verschrottet. Ein
stiller, unbeachteter Augenblick der Abrüstung.
Für
die Straße wurden die Sümpfe aufgefüllt, die Schlingen des Bachs
gekappt, der Bachlauf in ein unbequemes Streckbett aus Betonhalbschalen
geschickt. Die Quelle, die gegenüber unseres Hauses entsprang, wurde
zugeschüttet. Der Strauch, der jedes Jahr haargenau zum Muttertag blühte,
kam unter die Planierraupe. Zuerst verschwanden die Schwalben, dann die
Wildenten. Den Schwarzspecht habe ich vor fünfzehn Jahren zum letzten Mal
gesehen.
In
Rheinland-Pfalz sind 50 Prozent der Säugetiere, 49 Prozent der Vögel, 50
Prozent der Kriechtiere, 76 Prozent der Lurche und 69 Prozent der
Fische ausgestorben, verschollen oder vom Aussterben bedroht. 60
Prozent der Tagschmetterlinge und 50 Prozent der Libellen sind dabei, sich
für immer von uns zu verabschieden. 51 Prozent der in Rheinland-Pfalz
vorkommenden Geradflügler, wie Heuschrecken und Grillen, sind
ausgestorben oder in ihrem Bestand gefährdet. Das gleiche Bild bei den
Pflanzen: Jede dritte, der rund 2700 deutschen Blütenpflanzen und Farne,
droht aus der Landschaft zu verschwinden.
Zahlen
haben uns nichts zu sagen, sind blasse Abstraktionen einer schleichenden
Verarmung.
Eines
Tages trieben die Regenbogenforellen, die Schleien und die Weißfische
bauchoben den Bach herunter. Eine große Forelle stand regungslos im
stillen Wasser. Sie war über und über mit weißlichen Pilzen bedeckt.
Wir schoßen mit Pfeil und Bogen auf sie. Sie rührte sich nicht einmal,
wenn sie unsere stumpfen Pfeile trafen.
In
den zerfallenen Stollen haben Fledermäuse Winterquartier genommen. An
den Bunkerruinen kam man die Spuren der Wildkatze finden. Flechten überziehen
die Betonbrocken mit ihrer Geheimschrift. In Sträuchern, die aus den
Schründen und Spalten wachsen, brütet der Neuntöter. Zwischen den
verrosteten Moniereisen liegt der Eingang zu einer Dachshöhle.
Pflanzen
und Tiere haben sich in die Trümmer zurückgezogen, aus Kampfanlagen
wurden Umwelt-Schutzbunker. Ruine für Ruine ein kleines Denkmal. Zerstörungen
müssen nicht endgültig sein, Wunden können noch vernarben.
An
Deutschlands Sicherheit in Stahl und Beton wird weiter gebaut. Ramstein,
Sembach, Zweibrücken, Ruppertsweiler, - die Ausschreibungen der
Staatsbauämter füllen die Anzeigenspalten der Lokalzeitungen.
Über
die nächsten Ruinen hinaus, wird es keine Erinnerung geben.
Veröffentlicht
in „Wie Arme breiten sich die Hügel
aus - Das Westrich-Lesebuch", herausgegeben von Karlheinz
Schauder bei der PVA, Landau 1988
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