Es war später Vormittag, als der Gleisgänger mit seinem Vierkantschlüssel den grauen Metallkasten des Streckentelefons an der Tallinie öffnete, um einen Gleisbettschaden zu melden, sich aber unvermittelt einem eindringlich summenden Hornissennest gegenüber sah. Nur Minuten später rauschte der Interregio aus der Landeshauptstadt vorüber, in dem sich der Landtagsabgeordnete auf der Zugtoilette erster Klasse das ihm verhasste Bahn-Seifenpulver aus dem Spender auf die linke Hand bröselte, dann mit der rechten unter der Spiegelablage aus blassblauem Plastik herumfingerte, um die Taste für das Wasser zu finden, stattdessen das Handtrockengebläse erwischte, das ihm die Seife in Auge, Mund und Nase blies.

Kaum darauf bestieg der Sohn des Bahnhofswirts ein nagelneues Mofa, um ein paar Runden im Hof zu drehen, bis ihn seine Bahn zu weit nach außen unter die große Linde trug, wo ihn ein tiefhängender Ast unterm Kinn erwischte. Um nicht vom Sattel gefegt zu werden, krallte er sich am hochgerissenen Lenker fest, den Gashebel bis zum Anschlag aufgedreht, so daß ihn das bockende Gefährt gegen das Holz würgte, bis endlich das Hinterrad wegrutschte und Mofa und Reiter zur Seite stürzen konnten.


Das alles geschah noch unter einem ziemlich hellen Himmel, der leicht glasig wirkte wie das Auge eines Betrunkenen. Am Nachmittag zogen schwere Wolken auf und ein schneidender Wind fuhr in das Sommergefieder. Der Friedhof war schwarz vor Menschen. Am offenen Grab stand, hager und zerzaust wie eine Vogelscheuche, der Pfarrer, neben ihm der Landtagsabgeordnete, der ungeduldig aussah. Auf der Längsseite des Grabs hatte sich die Blaskapelle postiert, die Musiker in ungelenken Anzügen, verzweifelt auf die Noten der Trauermärsche starrend. Etwas im Hintergrund stand, professionelle Trauer ausstrahlend, der Beerdigungsunternehmer Drangsal.

Ganz am Rande der Trauergemeinde hatten sich drei Herren versammelt, die auf eine schwer beschreibbare Weise deplaziert wirkten.

„Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht,“ sagte laut die lange Gestalt in der Mitte der Dreiergruppe, „daß jeder Mensch nach einer Lebenszeit von 75 Jahren Sondermüll ist?“

Er schaute nachdrücklich seine beiden Begleiter an und schüttelte dazu seinen Kopf. Seine knochige Glatze mit dem wirren Haarkranz gab ihm etwas geierhaftes. Der Sommermantel, den er trug, war eindeutig zu kurz, und ließ seine langen Beine noch stelzenartiger erscheinen.

„Schscht“, zischte es aus der Trauergemeinde und der Geier bemühte sich, seine Stimme zu senken.

„Alle Schadstoffe, die Du Dein Leben lang gegessen, gesoffen und eingeatmet hast, in winzigen Mengen nur, in Picogramm und Nanogramm, aber sie summieren sich Tag für Tag. Und am Ende, die reinste Giftmülldeponie. Polychlorierte Biphenyle im Fettgewebe, Cadmium in der Nebennierenrinde und Quecksilber in den Zahnruinen...“

„Hör auf“, flüsterte halb schaudernd, halb kichernd der kleine, nervöse Mensch an seiner rechten Seite. Er hielt ein Blöckchen und einen Kugelschreiber in seinen Händen und duckte sich unbehaglich unter den schneidenden Blicken, die ihm aus dem großen schwarzen Block entgegenschossen. Er dachte kurz an sein Redaktionskürzel, das zu dem Thema passte: HCH für Hans-Christian Heintz, aber auch das chemische Kürzel für Hexachlorcyclohexan, Lindan. Es hatte ihm unter Freunden und Feinden den Namen Linda eingetragen.

„Und nun“, fuhr der Lange unbeirrt fort, „stell Dir diese monströse Figur in dem Sarg da vorne vor. Ein Panzer von mindestens 250 Pfund. Der ist doch eine Grundwassergefährdung ersten Ranges. Eines Tages wird er unser Trinkwasser verseuchen.“

„Vielleicht sollte man ihn lieber verbrennen?“, fragte zweifelnd die Figur an seiner linken Seite. Sie war mittelgroß, rotgesichtig, hatte schütteres langes Zauselhaar, und war zum Traueranlaß in eine zu enge, schwarze Lederjacke gezwängt. Unter dem rechten Arm klemmte eine Kunstledermappe; Brocks Videothek stand darauf. Immer wieder gab es Witzbolde, die Johann Brocks Brocky zu nennen versuchten. Die meisten versuchten es nur einmal.

„Bloß nicht,“ dröhnte der Geier, bürgerlich Dieter Raab, allgemein bekannt aber nur unter seinem zweiten durch offenkundige Ähnlichkeit erworbenen Vogelnamen.

„Die Krematorien haben überhaupt keine Filter. Keine Rauchgaswäsche, kein Gewebefilter, keine Aktivkohle. Das wäre bei dem Koloß die reinste Seveso-Katastrophe.“


Immer mehr Gesichter drehten sich zu dem Trio um. Der Kleine geriet langsam in Panik.

„Wollt Ihr nicht endlich Euer Schandmaul halten? Wer schreibt mir denn meinen Trauerartikel, wenn ich wegen Euch hier rausfliege?“

„Ich,“ sagte der Geier gleichmütig, „indem ich einfach eine Phrase an die andere hänge.“

„Aber vielleicht schreibst Du mal über die wirklichen Probleme dieser Welt. Über den Unsinn beispielsweise, daß man solche Lasten unter die Erde bringt, wo sie unter Luftabschluß vor sich hinfaulen. Alleine die Gärgase, die dabei entstehen...“

„Also kompostieren....“, sinnierte die Lederjacke, „...oder doch recyceln?“

„Recyceln?“ Der Geier schaute verständnislos.

„Na, nach England als Viehfutter,“ lautete die sanft vorgebrachte Entgegnung, „oder vielleicht zur Bewährung in die Seifenindustrie. Nachruf: Am Ende ein Saubermann. Wie wäre es mit einem Anteil an Deinem Honorar, Linda?“ 


Am Abend sank die Sonne rotgelb unter den schwarzen Wolken hervor und legte einen warmen Schein auf die Dielen des Cafés, wo zwei immer noch leicht deplaziert wirkende Herren saßen und versunken in ihre Rotweingläser schauten. Sie sahen kaum auf, als der Journalist durch die Tür schoss und sich einen Stuhl zu ihrem Tisch heran zog.

 „So eine Menge Lügen,“ krähte er heiter, „kann man noch immer nur auf dem Friedhof hören. Ihr hättet den Nachruf unseres MdL auf seinen Intimfeind hören sollen. Er muß auf Drogen gewesen sein, er hat nämlich am Grab geheult. Das muß der Triumph des Überlebens gewesen sein. Ich könnte schwören, dass er weisses Pulver an den Nasenhaaren hängen hatte. Und ganz zum Schluss ist dem Drangsal der Sarg in die Grube gefallen. So eine Blamage! So was Schönes!“

Der Geier fixierte ihn mit einem kurzen Beuteblick.

„Wir haben uns entschlossen, einen neuen Geschäftszweig zu eröffnen.“

„Als Konkurrenten“, ergänzte der Brocks grimmig.

Der Geier nickte.

„Ich werde ein Öko-Beerdigungsinstitut haben: Vollholzsärge aus zertifiziertem Naturholz oder bioabbaubare Pappsärge. Nackenkisschen aus biologisch angebauter Baumwolle oder, für die Freaks, aus heimischem Hanf. Ich biete drei Beerdigungsformen an: Boxenkompostierung in einer vollverkapselten Rottehalle - aus Erde bis Du gemacht, zu Gartenerde sollst Du werden - oder kontrollierte Vergärung in einem Faulturm mit Biogasverwertung. Alternativ das Seebegräbnis in haifischreichen Gewässern, zurück in den Biokreislauf des Lebens.“

„Ich würde an Deiner Stelle ja den Todesturm des Zarathustra-Kultes wählen,“ kicherte der Rotgesichtige boshaft, „Krähen, Raben und Geier, du weißt schon.“

„Halt den Schnabel“, sagte der Geier gelassen.

„Ich mache die Public Relations.“ HCH zog seinen Block hervor und fing an, kunstvolle Schnörkel auf ein Blatt zu werfen.

„Kochen Sie Ihr Festmenu mit der legendären Lebensenergie Ihres Opas, erleben Sie wie Ihr Gemüse floriert, dank Mamas Muttererde. Und was wäre Deine Konkurrenzidee?“

Erwartungsvoll sah er Brocks entgegen.

„Totale Schadstoffkontrolle! Endlagerung im Salzstock im Castorbehälter oder Verbrennung in Hochtemperaturanlage, Öffnung der Hochöfen!“

„Aber auch die Weiterverwendung muß noch weitergedacht werden. Crashtest Dummies für die Autoindustrie, zum Beispiel, oder heißt das dann Crashtest Grufties? Jedenfalls beantrage ich sofort High Tech-Förderung und laß mich im hiesigen Bussiness Innovation Center nieder.“

„Na, da wärst Du immerhin der Zweite,“ sagte der Kleine bissig. „Ansonsten seid ihr als Romantiker entlarvt. Wir werden als Ersatzteillager der Transplantationsmedizin enden. Mit zwei Geiern im rotbekreuzten Kitteln schon am Sterbebett, entschuldige bitte mein Lieber.“

„Macht nichts,“ entgegnete der Lange ungerührt, „aber Du irrst trotzdem. Das ist nur das Schicksal junger knackiger Motorradfahrer, die man noch warm und zuckend von der Straße kratzen kann und nicht von solch alten Gemäuern, wie unserem geliebten Bürgermeister.“

Der Journalist zog eine Grimasse.

 „Dein Giftgequatsche hat mich verfolgt, also habe ich unseren Umweltredakteur gefragt. Er hat gemeint, das Schlimmste seien die Pinkelsteine im Sarg.“

Einen Moment herrschte irritierte Stille. Der Geier schaute den Kleinen mit einem seltsamen Glitzern in den Augen an. Der hob abwehrend die Hände:

„Hee! Das ist völlig ernst. So ein Chlorzeugs, das die Leichengerüche binden soll. Die gleiche Substanz wie bei den Pinkelsteinen. -Ein Trick der Chemieindustrie, um aus giftigem Abfall noch Kohle zu machen.“

„Ha!“, schrie der Rotgesichtige, „Chemie! Ich hab’s!“ und hieb dem Journalisten krachend zwischen die Schulterblätter.

 „Plastination der Körper! Durchtränkung mit Silikonkautschuk, danach Zerschneidung in dünne Scheiben nach der Methode Professor von Hagens. Und, was haben wir da? Den perfekten Asbestersatz, das erste Produkt, das den Namen Eternit wirklich verdient. Ich werde es die Saarländer Bestattung nennen. Slogan: ‘Was einst den Haushalt verschandelt, nun den Giebel verschindelt.’ Und linksrheinisch wird es keine Wetterseite mehr ohne Ahnengedenken geben!“

„Schluß mit dem Gekrächze!“

Der Geier erhob sich ächzend, klaubte den Mantel von seinem Stuhl, hielt ihn an weit ausgestreckten Armen von sich, den Mantelrücken vor dem Gesicht, wirbelte ihn dann mit einem Ruck in die Höhe, während er gleichzeitig seine Arme kerzengerade in die Luft streckte. Der Mantel bauschte sich über seinem Kopf auf, senkte sich sachte flatternd, glitt an seinen langen Armen herab - und saß.

„Wie übergegossen“, spöttelte der Rotgesichtige, „und nun?“

Der Geier nickte dem Barmann knapp zu, der ein verhängtes Wägelchen herbeizerrte. Unter dem Tuch kam zuoberst ein Paar Schaftstiefel zum Vorschein, das in eine goldbepinselte Betonplatte eingegossen war. Dazu eine Tafel mit folgender Inschrift: „Unserem Bruder die goldenen Betonschuhe und den Ehrentitel ‘Herr der Ringe’, im Gedenken an den Autobahnring Süd, den Autobahnring Ost, den Autobahnring Nord und den Cityring.“

Als nächstes ein Kranz mit riesigen, roten Schleifen. Auf der einen Schleife war lediglich das McDonalds Logo zu sehen. Auf der zweiten Schleife stand: „Unserem verehrten Burger-Meister. Die Burger-Initiative Mit Burger-Häusern zur Bürgerkultur.“

Als letztes eine große Filzmatte mit applizierten sanft leuchtenden Samtbuchstaben: „Unserem lieben Vetter. Welche Hand wäscht nun die unsrige? In tiefer Trauer, die Industrie- und Handwaschkammer.“

„Es wird dunkel,“ dröhnte der Geier. „Wir schreiten zur Tat.“


Die Dämmerung wölbte sich über den Dächern und die Straßenlampen schütteten ein trübes Licht in den Abend. Die Häuser starrten mit stumpfen Fensterhöhlen auf die ausgestorbenen Straßen, durch die der Karren jämmerlich quietschte.

Es war ein trostloser Fußweg zum Friedhof. Zweimal kehrten sie ein unterwegs, um Stärkung und Trost zu erlangen. Als sie mit zielstrebigem Geist und etwas weniger zielstrebigem Gang an der Friedhofsmauer anlangten, war es tintenfinster. Sie öffneten das knarzende Gatter und schritten auf einem breiten Kiesweg geräuschvoll voran.

„Hier liegen sie,“ rülpste die Lederjacke, „wie eingeparkt“

„Wenn ich diese blankpolierten Marmorplatten sehe“, keuchte der Journalist, „gruselt es mich jedesmal. Sieht aus wie: Schade, daß Du von uns gegangen bist, aber komm bloß nicht auf die Idee wiederzukommen. Übrigens, ich bin selbstverständlich nur zu dokumentarischen Zwecken dabei.“

Der Geier klang etwas verwaschen:  „Wir hätten Holzpflöcke mitnehmen sollen. Und Weihwasser, vielleicht auch etwas geweihtes Kirschwasser. Habt ihr eben den Jungen auf dem Moped mit dem blutigen Tuch um den Hals gesehen?“

Das Grab des Bürgermeisters lag auf dem alten Teil des Friedhofs, in der Nähe des Kriegerdenkmals. Hier standen wuchtige Grabmale unter hohen Bäumen und es war sehr dunkel.

Brocks schniefte vernehmlich und rempelte den Geier an: „Hier stinkt es irgendwie und zwar nach faulen Eiern“.

„Wo der Teufel ist, stinkt es immer nach Schwefel,“ erwiderte dieser, während sie in die Reihe mit dem frischen Grab einbogen. „Hat denn jemand mal die Taschenlampe?“

„Faule Eier iss Schwefelwasserstoff, um korrekt zu sein.“

HCH ließ den Strahl der Lampe aufleuchten und blieb aprupt stehen. Das Licht tanzte nervös über das blumenbedeckte Grab und fing sich immer wieder in einer Dampfsäule, die träge und magmaartig aus dem Grab herauskroch und ruhig über den Kränzen und Blumen stand. Sie war massiv und im Lichtkegel leuchtete sie kränklich violett.

Der Geier starrte auf die Erscheinung und gurgelte:

 „Er wird wiederkommen. Ich habe es gewußt. Er hat noch nicht genug, er will uns  ganz ausgesaugen, alle, die ganze Gegend.“.

In diesem Moment gab es einen dumpfen Knall, eine schwere Türe, die ganz in der Nähe wummernd ins Schloß fiel. „Mein Herz!“ schrie der Journalist und warf die Lampe in hohem Bogen von sich. Alle stieben in Panik auseinander. Der Geier stolperte über ein niedriges Fries und fiel mit seinem Gesicht in feuchte Erde. Eilig rappelte er sich wieder auf und stürzte blindlings weiter in die Dunkelheit. Nach wenigen Schritten standen plötzlich die fahlen Mauern der  Leichenhalle vor ihm. Mit klappernden Schritten schoss er um eine Gebäudeecke und rannte direkt in den Kleinen hinein, der aus der entgegengesetzten Richtung kam.

Im gleichen Moment fiel in den Tiefen des massigen, schattenhaften Gebäudes vor ihnen etwas polternd zu Boden und gleichzeitig keuchte mit pfeifendem Atem Brocks an ihnen vorbei, um seinen schwerfälligen Lauf jählings zu stoppen.

„Scheiße“, stotterte er, „wo rennt ihr denn rum, wo wollt ihr denn hin, habt ihr das auch gehört?“

Die beiden anderen starrten ihn schweigend an, bis er sich schließlich auf dem Absatz herumdrehte.

 „Ich geh da jetzt rein.“

„Halt, nein, warte,“ flüsterte der Journalist, „bist Du denn verrückt?“

„Er hat recht.“ Der Geier klopfte sich die Graberde vom Mantel.

„Halt,“ sagte der Journalist noch einmal. „Ich glaube, ich habe noch ein Feuerzeug.“

Die schwere, geschmiedete Tür war unverschlossen und ließ sich ohne Mühe öffnen. In der Leichenhalle war alles dunkel und ruhig.

„Hier riecht es auch“, bemerkte der Journalist leise, „und zwar ziemlich komisch, wie Nagellack.“

Er zückte sein Feuerzeug und hielt es hoch über seinen Kopf. In dem schwachen Licht der tanzenden Flamme tasteten sie sich durch die Bankreihen der Halle langsam nach vorne. Ein gutes Stück vor ihnen, im Kopfraum der Halle, konnten sie schemenhaft einen aufgebahrten Sarg erkennen. Daneben auf dem Boden lag etwas, ein undeutlicher, heller Fleck.

 „Du reißt mir noch meinen Arm ab“, wimmerte der Journalist und krallte sich seinerseits in den Mantel des Geiers. Langsam schoben sie sich weiter nach vorne, in heller Furcht und dennoch Schritt für Schritt zombiehaft voranschlurfend.

„Was ist das?“ Der Geier war auf etwas weiches, amorphes getreten.

„Da,“ hauchte der Rotgesichtige, „da hängt was über der Bank. Jacke und Jeans.“

Der Journalist schwenkte sein Feuerzeug herum. Im gleichen Augenblick rührte sich der weiße Fleck und stöhnte leise auf.

„Oh Gott,“ der Geier zerrte heftig an der Lederjacke, „ein lebende Leiche, ein Scheintoter. Der muß aus dem Sarg gekrabbelt sein“

 „Jetzt laß bloß das blöde Feuerzeug nicht auch noch fallen, Du Trottel,“ fuhr der Rotgesichtige den schwankenden Kleinen an. „Ich habe noch keine Leiche gesehen, die aus dem Sarg hüpft, um ihre Klamotten ordentlich über Kirchenbänke zu hängen.“

„Mensch“, flüsterte der Geier leise hustend, „der Kerl ist wirklich nackt. Und hier stinkt es vielleicht.“

Der bleiche Körper zu ihren Füßen rührte sich leicht und röchelte.

„Ich muß es wissen. Ich muß jetzt nachsehen,“ murmelte der Journalist erstickt hinter einem riesigen Taschentuch hervor, das er sich auf den Mund presste. Er wandte sich zum halboffenen Sarg. Das Feuerzeug erlosch. Sie hörten das leise Klicken des Mechanismus.

„Halt, tu es nicht,“ schrie Brocks, mitten in den Knall und die grelle Stichflamme hinein.

Der Friedhof war von Blaulicht zerrissen. Neben dem Eingang stand ein Feuerwehrwagen, von der Leichenhalle her kam Getöse. Der Journalist lehnte an der Mauer neben dem Gatter und fegte sich die Asche seiner Wimpern und Augenbrauen aus dem Gesicht. Der Geier stand neben ihm und hielt ihm eine Flasche mit klarer Flüssigkeit hin, als Brocks um die Ecke trabte, ein Mobiltelefon in der Hand.

„Ich hab im Krankenhaus angerufen und so getan als sei ich verwandt. Sie mußten ihn in eine Spezialklinik weiter transportieren. Er hat Vergiftungen und seine Atemwege sind leicht verätzt. Und noch was: Das Krankenhaus hat die Bullen informiert. Ich hab dort auch noch angerufen und mich als Dich ausgegeben.“

Er schaute den Kleinen an, der heftig nickte und wegwerfend mit seiner Hand wedelte.

„Und?“ Er schaute sie erwartungsvoll an, sie schauten erwartungsvoll zurück. „Der Kerl ist - ein vorbestrafter Leichenschänder!“

„Nein!“, sagte der Geier.

„Doch! Sie haben ihn schon mehrfach erwischt, das letzte Mal voriges Jahr, als er sich unsittlich an einer jungen Frauenleiche zu schaffen machte. Selbstmord.“

„Vorher oder nachher?“ Der Geier kicherte albern in den Flaschenhals.

„Ich glaub es nicht“, sagte HCH, dem die Röte ins Gesicht zurückkehrte.

Ein Feuerwehrmann mit einer Atemschutzmaske kam durch das weit offene Friedhofsgatter. Er schaute sie insektenhaft an und riß sich dann die Maske vom Kopf. Sein Gesicht war von roten Pusteln übersät.

„Chlorakne“, schrie der Geier. „Wie in Seveso!“

„Was? Halt doch Deine Schnauze!“, ächzte der Feuerwehrmann, „das sind Stiche, Hornissenstiche, wenn Du es genau wissen willst!“

„Aber“, er grapschte nach der Flasche des Geiers, „ganz daneben liegst Du trotzdem nicht. Da sind jede Menge Schweinereien in der Leichenhalle, Chemiekram.“

Er nahm einen kräftigen Schluck.  „Und“, japste er weiter, „wißt Ihr was das beste ist? Wo wir das Zeug gefunden haben? In den Särgen! Die Bullen sind schon unterwegs und wollen den Drangsal verhaften.“

„Was hat der damit zu tun?“ Brocks schaute ihn verständnislos an.

„Ja Mensch Brocky , kapierst Du denn nicht?“, schrie der Feuerwehrmann: „Der Typ hat Giftmüll mit den Leichen verbuddelt. Der ganze Friedhof ein einziges Giftmülllager. Und der Drangsal im Geschäft mit der Müllmafia. Jetzt ist mir auch klar, wo der seinen Palast von Wohnhaus her hat.“

Der Geier klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und nahm ihm die Flasche wieder ab. „Keine Panik“, sagte er. „Ist eh alles Sondermüll, was da begraben wird.“