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Am
Stadtrand ballen sich die Häuser zu den üblichen Blocks, den Billigbauten, von Siedlungswerken in aller Eile
hochgezogen. Lieblos
gezimmerte Unterkünfte für Ausgebombte, Vertriebene, Flüchtlinge. Häuser
ohne jeden Humor. Umsäumt von ausgemergeltem und niedergetrampeltem Rasen,
von Büschen mit einem Flair von grün gelacktem Stacheldraht. Feuchte
Kellertreppen, auf denen altes Herbstlaub modert, führen in die
Unterwelt. Die Hausflure haben schmutzigweiße Wände, der saure Schweiß
aller Hausmeistergenerationen hat sich wie ein Stigma in sie
eingebrannt... Nur
an der Ausfallstraße zum Hochwald hat man die Wohnblocks niedrig
gehalten, sie zu Karees zusammengestellt, die zur Straße hin offen sind.
Sie fassen kleine Plätze, auf denen Roßkastanien stehen. Unter den
Kastanien sind Bänke aufgestellt, auf denen den ganzen Sommer über alte
Frauen im Schatten sitzen. Sie haben verblichene Kittelschürzen an und
schälen Kartoffeln auf ihrem Schoß. Ihre Gesichter sind hart geschnitzt
und trotzdem entspannt im Schattenspiel des Laubs. Neben ihren Knien
stehen Emailleeimer. Sie sind sehr alt und haben den eigenartigen Glanz eines
langen, intensiven Gebrauchs. Aber selbst wenn sie fünfzig Jahre alt wären,
hätten sie nur einen Bruchteil des Alters dieser Frauen, die Kartoffeln
auf dem Schoß schälen. Ja, sie sind grausam alt. Ich grüße sie und sie
lächeln mir listig zu. Viele
Alte wohnen in dieser Straße. Ich kenne sie alle. Ich stapfe die
ausgetretenen
Holztreppen zu ihren Zimmern hinauf. Ich kenne das Knarren jeder Stufe.
Jede Treppe hat ihre eigene melancholische Tonfolge. Sie
warten schon auf mich, sitzen auf ihren Betten oder in der Küche und
horchen auf meinen Schritt. Sie wissen, daß ich mich um sie kümmere. Ich
kümmere mich um die Weinerlichen. Sie werden immer kleiner und ihre
Gebrechen werden immer größer. Sie rücken willig zur Seite und lassen
es wachsen, bis ihre Leiden alles überwuchern. Es brennt sie langsam
aus. Ich bin geduldig. Ich höre ihnen zu. Ich bewundere sie in der Größe
ihres Schmerzes. Ich komme wieder, ich beobachte wie die Tapeten langsam
vergilben, wie die Gesichter auf den Photographien langsam die Farbe
verlieren. Bei
den Stillen bin ich still. Ich sitze in den Zimmern und sehe sie verlöschen.
In den dichten Vorhängen spielt die Nachmittagssonne und die Möbel
knacken leise. In der Küche tropft monoton ein Wasserhahn. Im Zeitungsständer
liegt die immer gleiche Illustrierte. Ich sage nichts, ich bin einfach nur
da, streichle magere Hände. Wenn es Abend wird, glaube ich manchmal, das
Blut in ihren Adern pochen zu hören. Vielleicht ist es auch nur ein Strom
von Stimmen, die sich zu einem gleichförmigen Rauschen mischen Den
Boshaften bin ich behilflich. Ich unterwerfe mich ihren quälerischen
Wünschen,
öffne und schließe Fenster, rücke Möbel mal hierhin mal dahin, decke
den Tisch, räume ab, kümmere mich um ihre Besorgungen. Ich mache absichtlich
kleine Fehler, um ihnen eine Freude zu bereiten. Ich beobachte, wie es an
ihnen frißt, wie sich die Falten tiefer in die Mundwinkel graben. Wenn
ich die Wachstuchdecke anhebe, sehe ich tiefe Kratzspuren in den
Tischbeinen. Die
Vitalen, die Kräftigen. Sie wollen mich einschüchtern mit ihren dröhnenden
Stimmen, mit ihrem satten Lachen, mit ihren fetten Gesten. Sie lassen
mich gerne am Eßtisch sitzen. Sie schlagen drein, sie räumen den Tisch
ab, sie verleiben sich die Welt mit kräftigen Bissen ein. Sie
haben die größte Furcht von allen. Das Blut drückt schwer auf ihre Schläfen
und in ihren Poren schimmert Schweiß. Etwas wächst in ihnen. Deshalb
sind sie so ruhelos. Sie spüren, wie es an die Rippenbögen drückt. Sie
reden lauter, um das feine Schaben in den Knochen zu übertönen. Etwas wächst
weiter. Es will ihren Brustkorb sprengen. Es schiebt feine Tentakel
durch das Rückenmark und sendet panische Stöße durch die Nervenbahnen.
Es setzt sich hinter den Augäpfeln fest. Es treibt eine Eisklinge in ihr
Hirn. Sie halten aus. Es ist nicht zum Aushalten. Ich
breche die Rippen, ich treibe Knochenspeere in zuckende Herzen, ich
zerreiße die Adern und fülle die Lungen mit Blut. Ich bin schnell, ich
bin ein absoluter Profi und ich mache meinen Job, immer. Nur
die alten, listigen Frauen muß ich übergehen. Sie sitzen in Kittelschürzen
unter den Kastanien. Ich lächle sie an und sie lachen mich aus; sie sind
so alt wie die Welt. Veröffentlicht in Aufatmen. Aufstehen. Weglaufen - Anthologie, Gollenstein Verlag, Blieskastel
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