Eine Art von Manifest


Abgründe
Wir sind auf brüchigem Grund aufgewachsen. Unter den sanft geschwungenen Hügeln des Pfälzerwaldes und des Westrichs gähnen Abgründe; Ackerkrume und Waldboden verdecken Betontrümmer und verrostete Moniereisen: Die Überreste des Westwalls, halb verschüttete Stollen, gesprengte Bunker, klägliche Überbleibsel eines monumentalen, ja monströsen Festungsbauwerks. 
Der Bau des Westwalls markiert den negativen Höhepunkt in der an Verheerung reichen Kriegsgeschichte des Grenzlands. Die agressive, beton- und waffenstarrende Abgrenzung gegenüber dem "Erbfeind" Frankreich war der Vorbote von Tod und Verwüstung, das endgültige Scheitern einer Politik von Expansion, Dominanz und Revanchismus gegenüber dem Nachbarland. 
Altlast, verhaßt
Heute sind die Trümmer des Westwalls nur noch eine ungeliebte, fast verhaßte Altlast, die man gerne vergraben und vergessen möchte. Man eckt an seinen Überresten an, stößt sich an ihnen. Jahr für Jahr geben die Behörden Millionen von Mark aus, um seine Spuren unter dem Vorwand der "Gefahrenbeseitigung" zu tilgen. 
Wir halten das für falsch. Der Westwall ist gerade als Ruine ein Denkmal - eine Aufforderung zur Erinnerung und zur Schärfung des Denkens. Die Westwallruinen haben uns etwas zu sagen, über Vergangenheit und Zukunft des pfälzischen Grenzlandes, politisch und kulturell. 
Deshalb begrüßen wir die Einrichtung des Westwall-Museums in Niedersimten. Deshalb beteiligen wir uns mit einer Kunstaktion an seiner Etablierung. Wir begrüßen ausdrücklich die Offenheit des Vereins und der Stadt für kulturelle Initiativen und empfinden sie auch als Ermutigung zur Kritik.
Hintergründe, weggeblendet, Altäre
Denn an der Konzeption des Museums, wie sie sich derzeit präsentiert, haben wir erhebliche Kritik. Sie konzentriert sich fast ausschließlich auf militärhistorische und bautechnische Aspekte des Festungswerks. Politische und soziale Hintergründe und Ereignisse werden weitestgehend weggeblendet. Diese Konzeption orientiert sich allzu unkritisch am Vorbild Maginotlinie, vergißt dabei aber, daß der Westwall als Instrument der nationalsozialistischen Kriegs- und Vernichtungspolitik eine ganz andere Stellung einnimmt als die Bunkerbauten im Elsaß und in Lothringen.
Besonderes Unbehagen bereitet uns die Präsentation der Waffen im Niedersimter Stollen. Nicht, daß sie gezeigt werden - sie gehören zum Kriegsinstrument Westwall - sondern wie sie gezeigt werden: Ästhetisiert, fast wie auf einem Altar. - Ein Fetisch, dabei mit dem Mantel der technischen Neutralität umgeben. Ein kunstvolles, mechanisches Gerät, dessen Folgen man sich dazu denken mag oder eben auch nicht. 
Impulse; Museum im Werden
Dennoch oder gerade deswegen beteiligen wir uns mit unserer Aktion am Westwallmuseum. Wir möchten auf unsere Art und mit unseren Mitteln die blinden Flecken aufhellen. Wir sehen den Stollen als ein Museum, das noch im Werden begriffen ist. Wir möchten einen kurzen aber energievollen Impuls zu seiner Weiterentwicklung geben. Dies aus unserer jeweils ganz persönlichen künstlerischen Haltung heraus, mit der wir die museale (Schein)-Objektivität konfrontieren werden. 
Dabei arbeiten wir mit dem, was wir vorfinden: 
Bauwerk; Gewalt; Tod
Der Stollen ist als Bauwerk gewalttätig. Ihn zu begehen ist wie eine Fahrt in eine dunkle, kalte und künstliche Welt, die der Tagwelt entgegegengesetzt wird. Eine überdimensionale Gruft.... 
In der Mythologie ist die Unterwelt der Ort des Todes und der Toten. Der militärische Charakter des Bauwerks, der ihn einer Sphäre zuweist, die sich mit dem Zerstören und Töten befaßt, unterstreicht diesen Eindruck. 
Männerbünde
Der Hohlgang ist durch die militärische Prägung deutlich der männlichen Welt zugeordnet. Ein Ort für Soldaten, für Krieger und damit einer besonderen Ausformung des Männlichkeitsbildes. 
Als Soldat geht der Körper des individuellen Mannes ganz auf im Körper des Heeres - die Uniform, der Gleichschritt unterstreichen das - und verliert dadurch seinen individuellen Charakter. Das Soldatentum sieht als tiefste Daseinsform des Mannes den Kampf, das Töten und das heldische Getötet-Werden. 
Die soldatische Sphäre ist eine Welt des Zwangs, des Befehlens und Gehorchens, des Verlusts der Selbstbestimmung und der demokratischen Mitwirkungsrechte. Der Zutritt zu der soldatischen Welt ist reglementiert, die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Die Westwallbauwerke wurden schon als Baustellen zum verbotenen Geheimnis, der Niedersimter Stollen blieb, auch als ihn die Amerikaner nutzten, für die Bevölkerung tabu. 
Als künstliche Höhle verweist das Bauwerk ebenfalls auf das Mann-Sein. Von Alters her fanden in Höhlen Initiationsrituale statt: Hier wurden Knaben zu Männer und in Männerbünde aufgenommen. Die Initiation bestand häufig in einer rituell herbeigeführten Todeserfahrung. 
Höhle; neugeboren
Aber: Die natürliche Höhle, die Erdhöhle steht gleichzeitig für das mütterliche Prinzip. Aus ihr tritt man heraus ans Tageslicht, wie neu geboren. Gegen Kriegsende wurde der Stollen zum Schutzraum für die Niedersimter vor Luftangriff und bewahrte so das Leben der in ihn Geflüchteten vor dem Tod. 
- Widersprüche, mit denen wir arbeiten wollen. 
Westwall; Politik
Politisch gesehen steht der Westwall in der Tradition der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Frankreich, ja, er markiert deren Höhepunkt. - Eine Tradition, die dem pfälzischen Grenzland jahrhundertelang ein Höchstmaß an Verheerung eingetragen hat, die der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung stets im Wege stand und die sich noch heute in den defizitären Strukturen der Westpfalz wiederspiegelt. 
Militärisch bedeutete der Westwall konkret zweierlei: Zuerst war er die Rüstung die den Rücken im Westen schützte, als Hitlerdeutschland zur Agression gegen die östlichen Nachbarn ausholte. Dann war der Westwall das Schild aus dessen Deckung heraus der Militärschlag gegen Frankreich erfolgte. Der Westwall war nie eine defensive Einrichtung. Physisch wie als Propagandawaffe war er ein Instrument der Einschüchterung und Ängstigung. 
"Welschtum"; ausgegrenzt
Gleichzeitig war der Westwall eine brutale Abgrenzung gegenüber Frankreich, dem "Welschtum" in den Nachbarregionen. Die Abriegelung mit Bunkern, Höckerlinien und Stollenanlagen ist nicht nur im physischen Sinne sondern durchaus auch psychologisch und kulturell zu verstehen. 
Pirmasenser Ängste
Der Westwall war in dieser Funktion auch eine Antwort auf alte Pirmasenser Ängste. Stadt und Region in der "Randlage", linksrheinisch, abseits der Verkehrsströme, deren Bewohner sich selbst schon als "Halbfranzosen" verdächtigt sahen und sich in der nationalen Hysterie stets umso nachdrücklicher veranlaßt sahen, sich zum Deutschtum zu bekennen: Als "des Führers treuste Stadt" verstanden sich die Pirmasenser. 
In der Randlage sehen sich die Westpfälzer immer noch gerne. Doch nicht die Bindung ans "Reich" kann die empfundene Marginalisierung beenden, sondern die Auflösung der Grenzen, der Abbau des militärischen wie kulturellen Sperrgürtels. Man verändere die Perspektive und man sieht sich nicht mehr an der Peripherie sondern im Zentrum Westeuropas...
Kontroll/Verlust
Der Versuch der absoluten Kontrolle der Grenze endete mit der völligen Niederlage und damit auch mit dem absoluten Kontrollverlust. Die nationalistische Hybris sank mit dem Westwall in Schutt und Asche. Die Ruinen der Bunker symbolisieren gleichzeitig das Durchlässigwerden, ja das allmähliche Verschwinden der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Diese Entwicklung eröffnet den Grenzregionen neue Entwicklungschancen, aber bürdet ihnen auch eine neue Verantwortung auf. 
Die Dominanz des Militärischen in der Region ist erst jetzt mit dem Abzug der Amerikaner gebrochen. Zur Zeit sehen wir dabei primär die verlorenen Arbeitsplätze und den Verlust der Wirtschaftskraft. Langfristig steckt darin aber eine große Chance. 
In den Übergangszonen, im Brackwasser der Nationen, muß sich ein Bewußtsein, eine Kultur, müssen sich wirtschaftliche Strukturen entwickeln, die die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich tragen. Die Idee von Europa ist die Antwort auf die Kriege von gestern. Wenn diese Idee wirklich werden soll, dann müssen die Grenzregionen, müssen Pfalz und Saarland, Elsaß und Lothringen - die Fieberzone der alten Konflikte - eine Führungsrolle übernehmen. Hier entwickelt sich - in der Übergangskultur zwischen Frankreich und Deutschland - Europa, oder es entwickelt sich nirgends. Es kann am Ende eines blutigen Jahrtausends nicht mehr um militärische oder territoriale Dominanz gehen, sondern um den Wettstreit der Ideen und Konzepte für unsere gemeinsame Zukunft. 
Westwall, Mensch, Natur
Ein letzter Aspekt: Der Bau des Westwalls war auch ein Gewaltakt gegen Natur und Landschaft. Die Grenze erstarrte in Beton. Aus der natürlichen Landschaft wurde mit allen Mitteln der Ingenieurskunst eine technisch-militärische. Bunker, Panzersperren (Drachenzähne), künstliche Steilhänge, künstliche Stauseen unterwarfen die Natur der menschlichen Kontrolle. 
Die Ruinen kehren das ironisch um. In den leergeräumten Feldfluren sind aus den störrischen Trümmern Natur-Schutzbunker geworden. Die halbzerfallenen Stollen schützen die Fledermäuse vor ihrem Aussterben; Dachse hausen in den ehemaligen Befehlszentralen. Welch eine wunderbare, wahrgewordene Utopie. 
Die Westwallruinen sind eine permanente Anfrage an das Verhältnis Mensch-Natur; eine Frage, die nicht verstummen darf. Der Westwall - ein Denkmal, weit über das Museum in Niedersimten hinaus. 
Lichtwelt im Stollen
Unsere Kunstwerke und Aktionen sind eine Art von Austreibung: Sie bekämpfen die Dämonen, bringen die Lichtwelt in den dunklen Ort, vermessen das Abründige und machen es sichtbar, halten dem Mann im Mann den Spiegel vor und befragen ihn, ob und wie er in ihn hineinschauen und sich ertragen kann. 

Manifest, vorgetragen am 21.06.1997 zur Aktion "Hohl-Gang-System" im Westwall-Museum in Niedersimten zur Installation "Westwall-Klangkontainer I u. II" mit Thomas Schmenger.