Eine Zeitungsserie für „Die Rheinpfalz“, 1987

Bunker und Stollen: Schandfleck oder Öko-Nische ?

Sein Bau verwandelte vor 50 Jahren die deutsche Westgrenze von Brügge bei Aachen bis nach Lörrach in Südbaden in eine gigantische Baustelle: Der Westwall. - Ein Konglomerat von mehr als 20 000 Bunkern, Panzerwerken und Stollen, von Minenfeldern, Höckerlinien und Panzergrä­ben, gedacht als „Bollwerk“ gegen den „Erbfeind im Westen.“ Hitler, der den Befehl zum Bau des Sperrgürtels gab, feierte die Anlage als „gigantischstes Befestigungswerk aller Zeiten.“ Bei Pirmasens erreichte der Westwall eine Tiefe von 25 Kilometern. Allein zwischen Pirmasens und Zweibrücken gab es rund 900 Bunker.

Heute sind nur noch Ruinen übrig: Gesprengter Beton, verrostete Armierungseisen, eingestürzte Stollen... Um diese traurigen Überreste ist, 40 Jahre nachdem die Alliierten den Westwall schliffen, erneut ein heftiger Kampf ausgebrochen: Umwelt- und Naturschützer fordern die Erhaltung der Überbleibsel. Für sie sind die ehemaligen Kampfanlagen zu Schutzräumen für Tiere und Pflanzen geworden. Roland van Gyseghem, Diplom-Biologe im Pfalzmuseum für Naturkunde, Bad Dürkheim, sieht die Bedeutung der Ruinen so.: „Sie sind - ähnlich wie Fußgängerinseln für den verkehrsgestreßten Fußgänger - Rettungsinseln für Tier und Pflanzen, die sich noch in unseren Feldfluren bewegen.“ Deshalb sei es „unverantwortlich, auch nur einen der Bunker einzuebnen.“ Sekun­diert werden die Ökologen von den amtli­chen Naturschützern bei den Landespflege­behörden. So vertritt der Beigeordnete der Stadt Zweibrücken, Günter Hög, den Standpunkt, „daß die Entfernung dieser An­lagen einen nicht ausgleichbaren Ein­griff in Natur und Landschaft darstellt“, der aus Sicht der Landespflege in der Re­gel abzulehnen ist. Ähnlich schallt es aus den Landespflegebeiräten in Pirma­sens, bei der Bezirksregierung in Neu­stadt, und aus dem Umweltministerium in Mainz.

Die politischen Parteien geben dieser Position in seltener Einmütigkeit Rücken­deckung: „Die Öko-Nischen in den West­wallbunkern müssen erhalten bleiben“, forderte erst jüngst der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Cle­mens Nagel. Sein Kollege von der CDU-Fraktion, der Zweibrücker Abgeordnete Jürgen Kroh, hatte bereits vor zwei Jah­ren den Bundesfinanzminister aufgefor­dert, den Geldhahn für die Bunkerbeseiti­gung zuzudrehen, weil mit den Ruinen gleichzeitig die „Lebensräume von Pflan­zen und Tiere zerstört würden, deren Er­haltung andernorts ebenfalls durch öf­fentliche Mittel angestrebt wird.“

Denkmalschützer, die die Ruinen als Zeugen der Zeit erhalten wollen, runden die Reihen der Westwall-Verteidiger ab.

Die Gegenreaktionen blieben nicht aus. Vertreter der Bundesvermögensämter, die die Westwallreste verwalten, warfen den Umweltschützern vor, der Schutz der Natur ginge ihnen vor Menschenleben. Die Ruinen seien „Müllhalden“, die „gefährliche Ent­stehungsherde von Krankheitserregern und Brutstätten von Ungeziefer“ seien und außerdem spielende Kinder an „Leib und Leben“ gefährden würden. Auch die Pfälzi­sche Bauern- und Winzerschaft mochte beim Bunkerschutz nicht mitspielen: „Die Bun­ker und Höckerlinien, die eine landwirt­schaftliche Bewirtschaftung wesentlich beeinträchtigen, wenn nicht gar gefähr­den, müssen 50 Jahre nach ihrem Bau bezie­hungsweise 40 Jahre nach Kriegsende be­seitigt werden.“ Die Landwirte seien beim Bau des Verteidigungswerks nicht ge­fragt worden und heute sei es wieder so, heißt es in einer Presseerklärung des Bauern­verbands. Der Chefredakteur einer west­pfälzischen Tageszeitung argwöhnt schließlich, wer die gesprengten Bunker im Pfälzerwald erhalten möchte, wolle le­diglich dem „bißchen Tourismus ein Bein stellen.“ Sein Fazit: „Adolf Hitler würde sich im Grabe herumdrehen.“

Was sind sie nun, die Bruchstücke des „germanischen Limes“, Schandfleck oder Schutzbunker für bedrohte Natur ? Rhein­pfalz-Mitarbeiter Andreas Josef Fußer, wird sich in einer mehrteiligen Serie be­mühen, den Wirbel um den Westwall zu ent­wirren.

Entstehung

 Am 7. März 1936 ließ die natio­nalsozialistische Reichsregierung zum er­sten Mal Truppen marschieren: Die Pfalz, bis dato - wie große Teile des gesamten  Rheinlands - entmilitarisierte Zone, wurde von der deutschen Wehrmacht wieder in Besitz genommen. Direkt im Anschluß daran begann, was Hans-Frieder Baisch, Chefredakteur der Pirmasenser Zeitung, einmal den „letzten Wirtschaftsboom in der Westpfalz“ nannte: Das „Bauvorhaben West“, die Errichtung des Westwalls.

Den Bau übernahmen zunächst Festungs­pioniere nach Plänen des Generals Otto-Wilhelm Förster. Vorgesehen waren rund 22 000 Bauwerke und eine Bauzeit von 12 Jah­ren.  

In der Pfalz verlief der Westwall vom Stadtrand Zweibrücken über Walshausen, Windsberg, Winzeln, Obersimten, Eppen­brunn, Fischbach, Bundenthal, Nieder­schlettenbach, Reisdorf, Oberotterbach, Niederotterbach, Steinfeld, Schaidt, Bü­chelberg, bis zum Rhein bei Hagenbach. Zwischen Niederschlettenbach und Eppen­brunn gab es eine zweite, nördlich ver­laufende Linie, über Bruchweiler-Bären­bach. Ein besonderer Schwerpunkt der Grenzbefestigung war der Bereich von Lautzkirchen bei Blieskastel bis zum Kettrichhof bei Pirmasens, ebenso wie die Linie Oberotterbach bei Bad Bergzabern bis Schaidt am Rande des Bienwalds. Dage­gen waren Pfälzerwald und Bienwald nur schwach befestigt.

Die strategische Anlage des Westwalls beschreibt der Diplom-Ingenieur und ehe­malige General Max Stiotta so: „Der Grundgedanke war, längs der Grenze - mög­lichst an Flüssen - eine durchlaufende befestigte Zone  anzulegen. Die wichtig­sten Punkte sollten die stärksten Werke (A-Werke) erhalten, die Zone querenden Straßen sollten durch mittlere Werke (B-Werke) gesperrt und das Gelände vor und zwischen diesen Werken durch schwache Bauten (C-Werke) geschlossen werden.

Die C-Werke waren Mauerkasematten mit einem Maschinengewehr, das aus einer frontal wirkenden Scharte schießen konnte. Mauer- und Deckenstärken waren sicher gegen die 15 cm-Haubitze. Die B-Werke waren zweistöckig, hatten auf Deck zwei 6-Scharten-Panzertürme mit je zwei Maschinengewehren. (...). Durch das Deck wirkten noch ein Maschinengranatwerfer und ein drehbarer Flammenwerfer. (...).

Die B-Werke waren im Innern sehr gut ausgebaut und auch für einen Kampf im In­neren mit Panzertüren für jeden Raum aus­gestattet, wohl in Erinnerung an die Kämpfe vor Verdun. (...).

Die A-Werke waren gleich den B-Werken ausgerüstet, aber Panzer und Beton waren stärker.“ (Aus: „Befestigung, Österrei­chische Militärische Zeitschrift“, Son­derheft 1967, zitiert in: Johannes Nosbüsch, „Damit es nicht vergessen wird..“, Pfälzische Verlagsanstalt).

In der Pfalz sind 22 B-Werke bekannt. Sie konnten durchaus auch drei Stockwerke oder tiefer in den Boden gesenkt sein. In über 30 Räumen konnten sie bis zu 100 Soldaten beherbergen. Sie hatten Räume für Munitions- und Lebensmittelvorräte, Küchen, Sanitätsräume, einen Maschinen­raum, Funkzentralen und Fallgruben an den Eingängen. Durch Größe und Ausstattung sind sie so etwas, wie moderne Ritterbur­gen aus Beton und deshalb - so weit vor­handen - noch als Ruinen die „Attraktion“ des Westwalls. Ein Vertreter der Inspek­tion der Festungen verglich sie in einem Vortrag 1938 mit „Panzerschiffen, die vor Anker liegen.“ Ursprünglich war geplant, die B-Werke an ein Stollensystem - ähn­lich wie bei der französischen Maginot­linie - anzuschließen. Die Stollen wurden aber in den seltensten Fällen entspre­chend den Planungen fertiggestellt. Weit fortgeschritten, war ein Stollensystem im Gersbachtal bei Niedersimten. Dort waren auf zwei Stockwerken 9 Kilometer Hohl­gänge und eine Kaserne mit 3 bis 4000 Me­tern Stollen geplant. Am 17. Juli 1940 waren von den 9 000 Metern Stollen, die mehrere B-Kleinstwerke und Kampfanlagen mit Schartenkuppeln und das B-Werk Ober­simten verbinden sollten, rund 4 000 Me­ter vorangetrieben und etwa 3 Millionen Reichsmark verbaut. Betoniert waren nur 850 Meter. (Walter Werhan, „Westwall und Maginotlinie 1939“, Pfalzatlas). Weitere Hohlgangsysteme gab es im Raum Zweibrücken. Anderswo, wie in Oberotter­bach, blieb es bei Planungen.

Bis 1938 hatten die Festungspionier­stäbe rund 900 Anlagen errichtet. Der na­tionalsozialistischen Reichsregierung war dies nicht ausreichend. Ihre politischen Pläne verlangten ein schärferes Tempo, denn  nach dem Anschluß Österreichs an das deutsche Reich und der Forderung der Nationalsozialisten an die Tschechoslowa­kei, das Sudetenland abzutreten, war ein Krieg mit den Westmächten nicht mehr aus­zuschließen. Am 16. Mai 1938 kritisierte Hitler bei einer Besprechung auf dem Berghof den bisherigen Ausbau der West­grenze vernichtend. Er hielt die Bauweise der militärischen Fachleute für zu schwach und zu aufwendig. In einer „Denk­schrift zur Frage unserer Festungsanla­gen“ zog er die Linien neu. Er wollte, so Walter Werhan, „eine tiefgestaffelte Mas­sierung stark gebauter Bunker“, flankiert von Kampfanlagen, deren Schußfeld sich überschnitt, damit sie sich gegenseitig decken konnten. Die bisherige Idee, der Besatzung „die möglichst ungefährdete Be­dienung der Waffen unter Panzerschutz zu ermögli­chen“ wurde über Bord geworfen. Ziel war es nun, „das gegnerische Feuer aufzusplit­tern und die Kampfkraft der Truppe unter Beton“ bis zum Gegenschlag zu erhalten. Denn, so Hitlers Credo, „der Deutsche ist im Angriff besser“.

Am 28. Mai erließ Hitler den Befehl zum „verstärkten und beschleunigten Ausbau der Westbefestigung“. Am 9. Juni 1938 be­reiste Generalfeldmarschall Hermann Gö­ring persönlich die Westgrenze, um sich ein Bild zu verschaffen. Am gleichen Tag wurde Dr. Fritz Todt mit der Baudurchfüh­rung beauftragt. Todt, Mitbegründer des NS-Bundes Deutsche Technik, war Straßen­baufachmann und 1933 zum „Generalinspek­teur für das deutsche Straßenwesen“ er­nannt worden. Unter seiner Leitung und nach seinen Plänen entstanden die Reichs­autobahnen. Nach der selben bewährten Or­ganisation wurde nun der Bunkerbau be­trieben, verwandelte sich die gesamte Westgrenze in eine einzige, riesige Bau­stelle. Das neue Ziel war die Schaffung eines „Kampffeldes für die Abwehrschlacht an der Westgrenze bis zum 1.10.1938“, also in wenigen Monaten. Das war nur durch den massenhaften Einsatz von Ar­beitskräften und die Verwendung von ein­fachen, genormten Bauformen, die nach Be­darf variiert werden konnten, möglich. Die „Organisation Todt“ benutzte zum er­sten Mal in der Baugeschichte in großem Umfang vorgefertigte Bauteile. So wurde die Bautechnik ausgerechnet beim Bunker­bau revolutioniert.

Eine Zeitungsserie für „Die Rheinpfalz“, 1987

Bunker und Stollen: Schandfleck oder Öko-Nische ?

Sein Bau verwandelte vor 50 Jahren die deutsche Westgrenze von Brügge bei Aachen bis nach Lörrach in Südbaden in eine gigantische Baustelle: Der Westwall. - Ein Konglomerat von mehr als 20 000 Bunkern, Panzerwerken und Stollen, von Minenfeldern, Höckerlinien und Panzergrä­ben, gedacht als „Bollwerk“ gegen den „Erbfeind im Westen.“ Hitler, der den Be­fehl zum Bau des Sperrgürtels gab, fei­erte die Anlage als „gigantischstes Befe­stigungswerk aller Zeiten.“ Bei Pirmasens erreichte der Westwall eine Tiefe von 25 Kilometern. Allein zwischen Pirmasens und Zweibrücken gab es rund 900 Bunker.

Heute sind nur noch Ruinen übrig: Ge­sprengter Beton, verrostete Armierungsei­sen, eingestürzte Stollen... Um diese traurigen Überreste ist, 40 Jahre nachdem die Alliierten den Westwall schliffen, erneut ein heftiger Kampf ausgebrochen: Umwelt- und Naturschützer fordern die Er­haltung der Überbleibsel. Für sie sind die ehemaligen Kampfanlagen zu Schutzräu­men für Tiere und Pflanzen geworden. Ro­land van Gyseghem, Diplom-Biologe im Pfalzmuseum für Naturkunde, Bad Dürkheim, sieht die Bedeutung der Ruinen so.: „Sie sind - ähnlich wie Fußgängerinseln für den verkehrsgestreßten Fußgänger - Ret­tungsinseln für Tier und Pflanzen, die sich noch in unseren Feldfluren bewegen.“ Deshalb sei es „unverantwortlich, auch nur einen der Bunker einzuebnen.“ Sekun­diert werden die Ökologen von den amtli­chen Naturschützern bei den Landespflege­behörden. So vertritt der Beigeordnete der Stadt Zweibrücken, Günter Hög, den Standpunkt, „daß die Entfernung dieser An­lagen einen nicht ausgleichbaren Ein­griff in Natur und Landschaft darstellt“, der aus Sicht der Landespflege in der Re­gel abzulehnen ist. Ähnlich schallt es aus den Landespflegebeiräten in Pirma­sens, bei der Bezirksregierung in Neu­stadt, und aus dem Umweltministerium in Mainz.

Die politischen Parteien geben dieser Position in seltener Einmütigkeit Rücken­deckung: „Die Öko-Nischen in den West­wallbunkern müssen erhalten bleiben“, forderte erst jüngst der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Cle­mens Nagel. Sein Kollege von der CDU-Fraktion, der Zweibrücker Abgeordnete Jürgen Kroh, hatte bereits vor zwei Jah­ren den Bundesfinanzminister aufgefor­dert, den Geldhahn für die Bunkerbeseiti­gung zuzudrehen, weil mit den Ruinen gleichzeitig die „Lebensräume von Pflan­zen und Tiere zerstört würden, deren Er­haltung andernorts ebenfalls durch öf­fentliche Mittel angestrebt wird.“

Denkmalschützer, die die Ruinen als Zeugen der Zeit erhalten wollen, runden die Reihen der Westwall-Verteidiger ab.

Die Gegenreaktionen blieben nicht aus. Vertreter der Bundesvermögensämter, die die Westwallreste verwalten, warfen den Umweltschützern vor, der Schutz der Natur ginge ihnen vor Menschenleben. Die Ruinen seien „Müllhalden“, die „gefährliche Ent­stehungsherde von Krankheitserregern und Brutstätten von Ungeziefer“ seien und außerdem spielende Kinder an „Leib und Leben“ gefährden würden. Auch die Pfälzi­sche Bauern- und Winzerschaft mochte beim Bunkerschutz nicht mitspielen: „Die Bun­ker und Höckerlinien, die eine landwirt­schaftliche Bewirtschaftung wesentlich beeinträchtigen, wenn nicht gar gefähr­den, müssen 50 Jahre nach ihrem Bau bezie­hungsweise 40 Jahre nach Kriegsende be­seitigt werden.“ Die Landwirte seien beim Bau des Verteidigungswerks nicht ge­fragt worden und heute sei es wieder so, heißt es in einer Presseerklärung des Bauern­verbands. Der Chefredakteur einer west­pfälzischen Tageszeitung argwöhnt schließlich, wer die gesprengten Bunker im Pfälzerwald erhalten möchte, wolle le­diglich dem „bißchen Tourismus ein Bein stellen.“ Sein Fazit: „Adolf Hitler würde sich im Grabe herumdrehen.“

Was sind sie nun, die Bruchstücke des „germanischen Limes“, Schandfleck oder Schutzbunker für bedrohte Natur ? Rhein­pfalz-Mitarbeiter Andreas Josef Fußer, wird sich in einer mehrteiligen Serie be­mühen, den Wirbel um den Westwall zu ent­wirren.

Entstehung

 Am 7. März 1936 ließ die natio­nalsozialistische Reichsregierung zum er­sten Mal Truppen marschieren: Die Pfalz, bis dato - wie große Teile des gesamten  Rheinlands - entmilitarisierte Zone, wurde von der deutschen Wehrmacht wieder in Besitz genommen. Direkt im Anschluß daran begann, was Hans-Frieder Baisch, Chefredakteur der Pirmasenser Zeitung, einmal den „letzten Wirtschaftsboom in der Westpfalz“ nannte: Das „Bauvorhaben West“, die Errichtung des Westwalls.

Den Bau übernahmen zunächst Festungs­pioniere nach Plänen des Generals Otto-Wilhelm Förster. Vorgesehen waren rund 22 000 Bauwerke und eine Bauzeit von 12 Jah­ren.  

In der Pfalz verlief der Westwall vom Stadtrand Zweibrücken über Walshausen, Windsberg, Winzeln, Obersimten, Eppen­brunn, Fischbach, Bundenthal, Nieder­schlettenbach, Reisdorf, Oberotterbach, Niederotterbach, Steinfeld, Schaidt, Bü­chelberg, bis zum Rhein bei Hagenbach. Zwischen Niederschlettenbach und Eppen­brunn gab es eine zweite, nördlich ver­laufende Linie, über Bruchweiler-Bären­bach. Ein besonderer Schwerpunkt der Grenzbefestigung war der Bereich von Lautzkirchen bei Blieskastel bis zum Kettrichhof bei Pirmasens, ebenso wie die Linie Oberotterbach bei Bad Bergzabern bis Schaidt am Rande des Bienwalds. Dage­gen waren Pfälzerwald und Bienwald nur schwach befestigt.

Die strategische Anlage des Westwalls beschreibt der Diplom-Ingenieur und ehe­malige General Max Stiotta so: „Der Grundgedanke war, längs der Grenze - mög­lichst an Flüssen - eine durchlaufende befestigte Zone  anzulegen. Die wichtig­sten Punkte sollten die stärksten Werke (A-Werke) erhalten, die Zone querenden Straßen sollten durch mittlere Werke (B-Werke) gesperrt und das Gelände vor und zwischen diesen Werken durch schwache Bauten (C-Werke) geschlossen werden.

Die C-Werke waren Mauerkasematten mit einem Maschinengewehr, das aus einer frontal wirkenden Scharte schießen konnte. Mauer- und Deckenstärken waren sicher gegen die 15 cm-Haubitze. Die B-Werke waren zweistöckig, hatten auf Deck zwei 6-Scharten-Panzertürme mit je zwei Maschinengewehren. (...). Durch das Deck wirkten noch ein Maschinengranatwerfer und ein drehbarer Flammenwerfer. (...).

Die B-Werke waren im Innern sehr gut ausgebaut und auch für einen Kampf im In­neren mit Panzertüren für jeden Raum aus­gestattet, wohl in Erinnerung an die Kämpfe vor Verdun. (...).

Die A-Werke waren gleich den B-Werken ausgerüstet, aber Panzer und Beton waren stärker.“ (Aus: „Befestigung, Österrei­chische Militärische Zeitschrift“, Son­derheft 1967, zitiert in: Johannes Nosbüsch, „Damit es nicht vergessen wird..“, Pfälzische Verlagsanstalt).

In der Pfalz sind 22 B-Werke bekannt. Sie konnten durchaus auch drei Stockwerke oder tiefer in den Boden gesenkt sein. In über 30 Räumen konnten sie bis zu 100 Soldaten beherbergen. Sie hatten Räume für Munitions- und Lebensmittelvorräte, Küchen, Sanitätsräume, einen Maschinen­raum, Funkzentralen und Fallgruben an den Eingängen. Durch Größe und Ausstattung sind sie so etwas, wie moderne Ritterbur­gen aus Beton und deshalb - so weit vor­handen - noch als Ruinen die „Attraktion“ des Westwalls. Ein Vertreter der Inspek­tion der Festungen verglich sie in einem Vortrag 1938 mit „Panzerschiffen, die vor Anker liegen.“ Ursprünglich war geplant, die B-Werke an ein Stollensystem - ähn­lich wie bei der französischen Maginot­linie - anzuschließen. Die Stollen wurden aber in den seltensten Fällen entspre­chend den Planungen fertiggestellt. Weit fortgeschritten, war ein Stollensystem im Gersbachtal bei Niedersimten. Dort waren auf zwei Stockwerken 9 Kilometer Hohl­gänge und eine Kaserne mit 3 bis 4000 Me­tern Stollen geplant. Am 17. Juli 1940 waren von den 9 000 Metern Stollen, die mehrere B-Kleinstwerke und Kampfanlagen mit Schartenkuppeln und das B-Werk Ober­simten verbinden sollten, rund 4 000 Me­ter vorangetrieben und etwa 3 Millionen Reichsmark verbaut. Betoniert waren nur 850 Meter. (Walter Werhan, „Westwall und Maginotlinie 1939“, Pfalzatlas). Weitere Hohlgangsysteme gab es im Raum Zweibrücken. Anderswo, wie in Oberotter­bach, blieb es bei Planungen.

Bis 1938 hatten die Festungspionier­stäbe rund 900 Anlagen errichtet. Der na­tionalsozialistischen Reichsregierung war dies nicht ausreichend. Ihre politischen Pläne verlangten ein schärferes Tempo, denn  nach dem Anschluß Österreichs an das deutsche Reich und der Forderung der Nationalsozialisten an die Tschechoslowa­kei, das Sudetenland abzutreten, war ein Krieg mit den Westmächten nicht mehr aus­zuschließen. Am 16. Mai 1938 kritisierte Hitler bei einer Besprechung auf dem Berghof den bisherigen Ausbau der West­grenze vernichtend. Er hielt die Bauweise der militärischen Fachleute für zu schwach und zu aufwendig. In einer „Denk­schrift zur Frage unserer Festungsanla­gen“ zog er die Linien neu. Er wollte, so Walter Werhan, „eine tiefgestaffelte Mas­sierung stark gebauter Bunker“, flankiert von Kampfanlagen, deren Schußfeld sich überschnitt, damit sie sich gegenseitig decken konnten. Die bisherige Idee, der Besatzung „die möglichst ungefährdete Be­dienung der Waffen unter Panzerschutz zu ermögli­chen“ wurde über Bord geworfen. Ziel war es nun, „das gegnerische Feuer aufzusplit­tern und die Kampfkraft der Truppe unter Beton“ bis zum Gegenschlag zu erhalten. Denn, so Hitlers Credo, „der Deutsche ist im Angriff besser“.

Am 28. Mai erließ Hitler den Befehl zum „verstärkten und beschleunigten Ausbau der Westbefestigung“. Am 9. Juni 1938 be­reiste Generalfeldmarschall Hermann Gö­ring persönlich die Westgrenze, um sich ein Bild zu verschaffen. Am gleichen Tag wurde Dr. Fritz Todt mit der Baudurchfüh­rung beauftragt. Todt, Mitbegründer des NS-Bundes Deutsche Technik, war Straßen­baufachmann und 1933 zum „Generalinspek­teur für das deutsche Straßenwesen“ er­nannt worden. Unter seiner Leitung und nach seinen Plänen entstanden die Reichs­autobahnen. Nach der selben bewährten Or­ganisation wurde nun der Bunkerbau be­trieben, verwandelte sich die gesamte Westgrenze in eine einzige, riesige Bau­stelle. Das neue Ziel war die Schaffung eines „Kampffeldes für die Abwehrschlacht an der Westgrenze bis zum 1.10.1938“, also in wenigen Monaten. Das war nur durch den massenhaften Einsatz von Ar­beitskräften und die Verwendung von ein­fachen, genormten Bauformen, die nach Be­darf variiert werden konnten, möglich. Die „Organisation Todt“ benutzte zum er­sten Mal in der Baugeschichte in großem Umfang vorgefertigte Bauteile. So wurde die Bautechnik ausgerechnet beim Bunker­bau revolutioniert.

Bunker und Stollen: Schandfleck oder Öko-Nische ?

Sein Bau verwandelte vor 50 Jahren die deutsche Westgrenze von Brügge bei Aachen bis nach Lörrach in Südbaden in eine gigantische Baustelle: Der Westwall. - Ein Konglomerat von mehr als 20 000 Bunkern, Panzerwerken und Stollen, von Minenfeldern, Höckerlinien und Panzergrä­ben, gedacht als „Bollwerk“ gegen den „Erbfeind im Westen.“ Hitler, der den Be­fehl zum Bau des Sperrgürtels gab, fei­erte die Anlage als „gigantischstes Befe­stigungswerk aller Zeiten.“ Bei Pirmasens erreichte der Westwall eine Tiefe von 25 Kilometern. Allein zwischen Pirmasens und Zweibrücken gab es rund 900 Bunker.

Heute sind nur noch Ruinen übrig: Ge­sprengter Beton, verrostete Armierungsei­sen, eingestürzte Stollen... Um diese traurigen Überreste ist, 40 Jahre nachdem die Alliierten den Westwall schliffen, erneut ein heftiger Kampf ausgebrochen: Umwelt- und Naturschützer fordern die Er­haltung der Überbleibsel. Für sie sind die ehemaligen Kampfanlagen zu Schutzräu­men für Tiere und Pflanzen geworden. Ro­land van Gyseghem, Diplom-Biologe im Pfalzmuseum für Naturkunde, Bad Dürkheim, sieht die Bedeutung der Ruinen so.: „Sie sind - ähnlich wie Fußgängerinseln für den verkehrsgestreßten Fußgänger - Ret­tungsinseln für Tier und Pflanzen, die sich noch in unseren Feldfluren bewegen.“ Deshalb sei es „unverantwortlich, auch nur einen der Bunker einzuebnen.“ Sekun­diert werden die Ökologen von den amtli­chen Naturschützern bei den Landespflege­behörden. So vertritt der Beigeordnete der Stadt Zweibrücken, Günter Hög, den Standpunkt, „daß die Entfernung dieser An­lagen einen nicht ausgleichbaren Ein­griff in Natur und Landschaft darstellt“, der aus Sicht der Landespflege in der Re­gel abzulehnen ist. Ähnlich schallt es aus den Landespflegebeiräten in Pirma­sens, bei der Bezirksregierung in Neu­stadt, und aus dem Umweltministerium in Mainz.

Die politischen Parteien geben dieser Position in seltener Einmütigkeit Rücken­deckung: „Die Öko-Nischen in den West­wallbunkern müssen erhalten bleiben“, forderte erst jüngst der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Cle­mens Nagel. Sein Kollege von der CDU-Fraktion, der Zweibrücker Abgeordnete Jürgen Kroh, hatte bereits vor zwei Jah­ren den Bundesfinanzminister aufgefor­dert, den Geldhahn für die Bunkerbeseiti­gung zuzudrehen, weil mit den Ruinen gleichzeitig die „Lebensräume von Pflan­zen und Tiere zerstört würden, deren Er­haltung andernorts ebenfalls durch öf­fentliche Mittel angestrebt wird.“

Denkmalschützer, die die Ruinen als Zeugen der Zeit erhalten wollen, runden die Reihen der Westwall-Verteidiger ab.

Die Gegenreaktionen blieben nicht aus. Vertreter der Bundesvermögensämter, die die Westwallreste verwalten, warfen den Umweltschützern vor, der Schutz der Natur ginge ihnen vor Menschenleben. Die Ruinen seien „Müllhalden“, die „gefährliche Ent­stehungsherde von Krankheitserregern und Brutstätten von Ungeziefer“ seien und außerdem spielende Kinder an „Leib und Leben“ gefährden würden. Auch die Pfälzi­sche Bauern- und Winzerschaft mochte beim Bunkerschutz nicht mitspielen: „Die Bun­ker und Höckerlinien, die eine landwirt­schaftliche Bewirtschaftung wesentlich beeinträchtigen, wenn nicht gar gefähr­den, müssen 50 Jahre nach ihrem Bau bezie­hungsweise 40 Jahre nach Kriegsende be­seitigt werden.“ Die Landwirte seien beim Bau des Verteidigungswerks nicht ge­fragt worden und heute sei es wieder so, heißt es in einer Presseerklärung des Bauern­verbands. Der Chefredakteur einer west­pfälzischen Tageszeitung argwöhnt schließlich, wer die gesprengten Bunker im Pfälzerwald erhalten möchte, wolle le­diglich dem „bißchen Tourismus ein Bein stellen.“ Sein Fazit: „Adolf Hitler würde sich im Grabe herumdrehen.“

Was sind sie nun, die Bruchstücke des „germanischen Limes“, Schandfleck oder Schutzbunker für bedrohte Natur ? Rhein­pfalz-Mitarbeiter Andreas Josef Fußer, wird sich in einer mehrteiligen Serie be­mühen, den Wirbel um den Westwall zu ent­wirren.

Entstehung

 Am 7. März 1936 ließ die natio­nalsozialistische Reichsregierung zum er­sten Mal Truppen marschieren: Die Pfalz, bis dato - wie große Teile des gesamten  Rheinlands - entmilitarisierte Zone, wurde von der deutschen Wehrmacht wieder in Besitz genommen. Direkt im Anschluß daran begann, was Hans-Frieder Baisch, Chefredakteur der Pirmasenser Zeitung, einmal den „letzten Wirtschaftsboom in der Westpfalz“ nannte: Das „Bauvorhaben West“, die Errichtung des Westwalls.

Den Bau übernahmen zunächst Festungs­pioniere nach Plänen des Generals Otto-Wilhelm Förster. Vorgesehen waren rund 22 000 Bauwerke und eine Bauzeit von 12 Jah­ren.  

In der Pfalz verlief der Westwall vom Stadtrand Zweibrücken über Walshausen, Windsberg, Winzeln, Obersimten, Eppen­brunn, Fischbach, Bundenthal, Nieder­schlettenbach, Reisdorf, Oberotterbach, Niederotterbach, Steinfeld, Schaidt, Bü­chelberg, bis zum Rhein bei Hagenbach. Zwischen Niederschlettenbach und Eppen­brunn gab es eine zweite, nördlich ver­laufende Linie, über Bruchweiler-Bären­bach. Ein besonderer Schwerpunkt der Grenzbefestigung war der Bereich von Lautzkirchen bei Blieskastel bis zum Kettrichhof bei Pirmasens, ebenso wie die Linie Oberotterbach bei Bad Bergzabern bis Schaidt am Rande des Bienwalds. Dage­gen waren Pfälzerwald und Bienwald nur schwach befestigt.

Die strategische Anlage des Westwalls beschreibt der Diplom-Ingenieur und ehe­malige General Max Stiotta so: „Der Grundgedanke war, längs der Grenze - mög­lichst an Flüssen - eine durchlaufende befestigte Zone  anzulegen. Die wichtig­sten Punkte sollten die stärksten Werke (A-Werke) erhalten, die Zone querenden Straßen sollten durch mittlere Werke (B-Werke) gesperrt und das Gelände vor und zwischen diesen Werken durch schwache Bauten (C-Werke) geschlossen werden.

Die C-Werke waren Mauerkasematten mit einem Maschinengewehr, das aus einer frontal wirkenden Scharte schießen konnte. Mauer- und Deckenstärken waren sicher gegen die 15 cm-Haubitze. Die B-Werke waren zweistöckig, hatten auf Deck zwei 6-Scharten-Panzertürme mit je zwei Maschinengewehren. (...). Durch das Deck wirkten noch ein Maschinengranatwerfer und ein drehbarer Flammenwerfer. (...).

Die B-Werke waren im Innern sehr gut ausgebaut und auch für einen Kampf im In­neren mit Panzertüren für jeden Raum aus­gestattet, wohl in Erinnerung an die Kämpfe vor Verdun. (...).

Die A-Werke waren gleich den B-Werken ausgerüstet, aber Panzer und Beton waren stärker.“ (Aus: „Befestigung, Österrei­chische Militärische Zeitschrift“, Son­derheft 1967, zitiert in: Johannes Nosbüsch, „Damit es nicht vergessen wird..“, Pfälzische Verlagsanstalt).

In der Pfalz sind 22 B-Werke bekannt. Sie konnten durchaus auch drei Stockwerke oder tiefer in den Boden gesenkt sein. In über 30 Räumen konnten sie bis zu 100 Soldaten beherbergen. Sie hatten Räume für Munitions- und Lebensmittelvorräte, Küchen, Sanitätsräume, einen Maschinen­raum, Funkzentralen und Fallgruben an den Eingängen. Durch Größe und Ausstattung sind sie so etwas, wie moderne Ritterbur­gen aus Beton und deshalb - so weit vor­handen - noch als Ruinen die „Attraktion“ des Westwalls. Ein Vertreter der Inspek­tion der Festungen verglich sie in einem Vortrag 1938 mit „Panzerschiffen, die vor Anker liegen.“ Ursprünglich war geplant, die B-Werke an ein Stollensystem - ähn­lich wie bei der französischen Maginot­linie - anzuschließen. Die Stollen wurden aber in den seltensten Fällen entspre­chend den Planungen fertiggestellt. Weit fortgeschritten, war ein Stollensystem im Gersbachtal bei Niedersimten. Dort waren auf zwei Stockwerken 9 Kilometer Hohl­gänge und eine Kaserne mit 3 bis 4000 Me­tern Stollen geplant. Am 17. Juli 1940 waren von den 9 000 Metern Stollen, die mehrere B-Kleinstwerke und Kampfanlagen mit Schartenkuppeln und das B-Werk Ober­simten verbinden sollten, rund 4 000 Me­ter vorangetrieben und etwa 3 Millionen Reichsmark verbaut. Betoniert waren nur 850 Meter. (Walter Werhan, „Westwall und Maginotlinie 1939“, Pfalzatlas). Weitere Hohlgangsysteme gab es im Raum Zweibrücken. Anderswo, wie in Oberotter­bach, blieb es bei Planungen.

Bis 1938 hatten die Festungspionier­stäbe rund 900 Anlagen errichtet. Der na­tionalsozialistischen Reichsregierung war dies nicht ausreichend. Ihre politischen Pläne verlangten ein schärferes Tempo, denn  nach dem Anschluß Österreichs an das deutsche Reich und der Forderung der Nationalsozialisten an die Tschechoslowa­kei, das Sudetenland abzutreten, war ein Krieg mit den Westmächten nicht mehr aus­zuschließen. Am 16. Mai 1938 kritisierte Hitler bei einer Besprechung auf dem Berghof den bisherigen Ausbau der West­grenze vernichtend. Er hielt die Bauweise der militärischen Fachleute für zu schwach und zu aufwendig. In einer „Denk­schrift zur Frage unserer Festungsanla­gen“ zog er die Linien neu. Er wollte, so Walter Werhan, „eine tiefgestaffelte Mas­sierung stark gebauter Bunker“, flankiert von Kampfanlagen, deren Schußfeld sich überschnitt, damit sie sich gegenseitig decken konnten. Die bisherige Idee, der Besatzung „die möglichst ungefährdete Be­dienung der Waffen unter Panzerschutz zu ermögli­chen“ wurde über Bord geworfen. Ziel war es nun, „das gegnerische Feuer aufzusplit­tern und die Kampfkraft der Truppe unter Beton“ bis zum Gegenschlag zu erhalten. Denn, so Hitlers Credo, „der Deutsche ist im Angriff besser“.

Am 28. Mai erließ Hitler den Befehl zum „verstärkten und beschleunigten Ausbau der Westbefestigung“. Am 9. Juni 1938 be­reiste Generalfeldmarschall Hermann Gö­ring persönlich die Westgrenze, um sich ein Bild zu verschaffen. Am gleichen Tag wurde Dr. Fritz Todt mit der Baudurchfüh­rung beauftragt. Todt, Mitbegründer des NS-Bundes Deutsche Technik, war Straßen­baufachmann und 1933 zum „Generalinspek­teur für das deutsche Straßenwesen“ er­nannt worden. Unter seiner Leitung und nach seinen Plänen entstanden die Reichs­autobahnen. Nach der selben bewährten Or­ganisation wurde nun der Bunkerbau be­trieben, verwandelte sich die gesamte Westgrenze in eine einzige, riesige Bau­stelle. Das neue Ziel war die Schaffung eines „Kampffeldes für die Abwehrschlacht an der Westgrenze bis zum 1.10.1938“, also in wenigen Monaten. Das war nur durch den massenhaften Einsatz von Ar­beitskräften und die Verwendung von ein­fachen, genormten Bauformen, die nach Be­darf variiert werden konnten, möglich. Die „Organisation Todt“ benutzte zum er­sten Mal in der Baugeschichte in großem Umfang vorgefertigte Bauteile. So wurde die Bautechnik ausgerechnet beim Bunker­bau revolutioniert.

 „Rote Zone“ geräumt, „freigemacht“ wie es im NS-Jar­gon beschönigend hieß. Diese Zone umfasste das Vorfeld des Westwalls und die Hauptkampflinie. Sie war in den Ope­rationskarten der Militärs rot einge­zeichnet, - daher der Name. Alle Städte und Gemeinden, die das Unglück hatten in dieser Zone zu liegen, wurden evakuiert: 602 000 Menschen, die mit dem Handwagen, dem Fuhrwerk, im Wagen oder per Zug ihre Heimat verlassen mußten. In der Pfalz wa­ren 78 Dörfer von der Räumung betroffen, 19 im Landkreis Zweibrücken, 33 im Land­kreis Pirmasens, 16 im Landkreis Bad Bergzabern und 10 im Landkreis Germers­heim, dazu die Städte Bergzabern, Pirma­sens und Zweibrücken selbst.  Erst nach einem Jahr kehrten die Evakuierten in die Rote Zone zurück. So mancher fand bei der Rückkehr freilich nur noch einen Trümmer­haufen statt seiner Wohnung vor. Die Ortsbürgermeister, die Ortsbauernführer und Helfer konnten bereits im Frühjahr in die geräumten Dörfer zurückkehren, um die Felder zu bestellen. Johannes Nosbüsch: „Diese Gemeinschaftsarbeit wurde in der Presse groß gefeiert. Es gab Überschrif­ten wie ‘Ernte zwischen Bunkern und Tank­sperren’, ‘Frühjahrsbestellung am West­wall’, ‘Pflüger zwischen Höckerlinien’“ und dergleichen mehr. Die Bewohner der Dörfer, die vor dem Westwall lagen, durf­ten dagegen auch im Sommer 1940 noch nicht nach Hause. Gauleiter Josef Bürckel wollte die Grenzdörfer erneuern und groß­zügiger gestalten. Zu diesem Zweck wur­den, ohne Information oder gar Einwilli­gung der Betroffenen, im großen Stil alte Bausubstanz abgerissen. In Hornbach bei Zwei­brücken, das zur „Mustersiedlung“ werden sollte, wurden gleich 496 Gebäude nieder­gelegt ! Zum Neuaufbau kam es im Zuge des Kriegsgeschehens allerdings nicht mehr. Als Ersatz wurde den Besitzern Höfe in Lothringen angeboten, das mit deutschen Siedlern „entwelscht“ werden sollte !

In den Bombennächten der folgenden Kriegsjahre wurden einige Westwallbunker als Schutzraum für die Zivilbevölkerung freigegeben. Im Spätsommer/Herbst 1944 hieß es für Jugendliche und Alte, für al­les was Arme hatte und nicht schon zur Wehrmacht einge­zogen war: Ab zum Schanzen. Im Vorfeld der Westwallbunker wurden Panzergräben ausgehoben: 3 Meter tief, eine Sohlen­breite von 2 Metern, eine Oberflächen­breite von 5 Metern. Das alles mit Pickel und Schaufel, bei Wind und Wetter, schlechter Verpflegung und Unterkunft. Bei den Ortschaften wurden zudem Panzer­sperren errichtet. Nicht viel später, am 5. Dezember 1944 hieß es bereits in einem Befehl an das Oberkommando der 1. Armee: „Der Westwall ist die letzte Linie, die unbedingt gehalten werden muß. In ihm wird gestorben.“ Zwei Tage später wurde die „Rote Zone“ zum zweiten Mal ge­räumt...

...Gestorben wurde im Westwall, gehal­ten wurde er dennoch nicht . Es gab noch nicht einmal mehr genug Soldaten, um ihn voll­ständig besetzen zu können. Aus vielen der Bunker fiel kein einziger Schuß.

Mit dem Westwall zerbrachen alle natio­nalsozialistischen Phrasen von Größe und Unüberwindbarkeit, an denen sich auch die Pfälzer noch 10 Jahre zuvor berauscht hatten. Außer einem kurzen wirtschaftli­chen Strohfeuer bei seinem Bau, brachte die „Siegfried-Linie“, wie die Alliierten die Grenzbefestigung nannten, dem Grenz­land viel Not und Elend. Über Sinn und Unsinn der Bunker und Stollen läßt es sich trefflich streiten. Für die einen waren sie nur eine (defensive) Antwort auf den Bau der Maginotlinie in Frankreich, für die anderen sollten sie den Nationalsozialisten den Rücken frei halten, für Eroberungskriege im Osten. Hitler selbst scheint eher letzterer An­sicht gewesen zu sein. Bei seiner ersten Visite des Westwalls rief er auf einer Baustelle den Arbeitern zu: „350 000 von euch sind hier im Westen eingesetzt. Ihr halft mir, 3,5 Millionen Sudetendeutsche ins Reich zurückzuführen. Auf jeden ein­zelnen von Euch kommen also 10 Sudeten­deutsche. Ich verlasse mich weiter auf euch.“

Die Ruinen

Der Westwall, für die Ewigkeit gebaut, liegt heute in Trümmern und mit ihm die Wahnvorstellungen der Nationalso­zialisten von Unangreifbarkeit, Unbesieg­barkeit, absoluter Sicherheit.  Die fran­zösische Besat­zungsmacht sprengte nach Kriegsende kurz und bündig Bunker für Bunker, Stollen für Stollen. Die gebor­stenen Decken, die verstreuten Betonbrocken mit den verrosteten Armie­rungseisen, von Farnen, Hecken, Sträu­chern und Bäumen überwuchert, gehören noch heute zum Bild des Grenzlands.

Die Geschichte der „Siegfried-Linie“ ist mit ihrer Zerstörung nicht beendet. Jedes Jahr, wenn die Schönwetterperiode beginnt, stapfen große und kleine Kommis­sionen durch Wälder und Felder, mit Akten unterm Arm und in heftigem Hader über die Zukunft der Ruinen versunken.

Der „Germanische Limes“ und was von ihm übrig geblieben ist, fiel als ungeliebtes Erbe an den Rechtsnachfolger des Deut­schen Reichs: die Bundesrepublik Deutsch­land. Allerdings gehören ihr nur die Rui­nen, nicht aber der Grund und Boden auf dem sie stehen. Der Bund ist für den Zu­stand der ehemaligen Verteidi­gungsanlagen verantwortlich und er haftet für Schäden an Leib und Leben, die durch die Ruinen verursacht sind, so will es das Allge­meine Kriegsfolgengesetz. Die Haftung für Sachschäden, von der zerrissenen Hose ei­nes Wanderers bis zur Kuh, die beim Gra­sen in einen Bunker stürzt, schließt das Gesetz aus.

Gleich zwei Bundesministerien und ihre Behörden sorgen sich für die „Verkehrssi­cherheit“ der Westwall-Trümmer. Vor Ort kümmern sich die Bundesvermögensämter um die Ruinen, ihre vorgesetzte Behörde ist die Oberfinanzdirektion, die ihrerseits dem Finanzminister des Bundes untersteht. Stehen Arbeiten am Westwall an, so sind dafür die Staatsbauämter zuständig. Sie sind den Landesvermögens- und Bauabtei­lungen unterstellt, die wiederum dem Baumi­nister in Bonn zugeordnet sind. Federfüh­rend für die „Gefahrenbeseiti­gung“ an Westwall-Anlagen in Rheinland-Pfalz ist die Oberfinanzdirektion Koblenz. Um die Bunker und Stollen in der Süd- und West­pfalz kümmern sich die Bundesvermögensäm­ter in Kaiserslautern und Landau.

Rund 8500 ehemalige Westwallbunker in Rheinland-Pfalz sind bei der Oberfinanz­direktion (OFD) Koblenz registriert, im Saarland noch einmal 3900. Für die ein­zelnen Kreise liegen der OFD keine Zahlen vor. Weder die Finanzbehörde in Koblenz noch die Vermögensämter verfügen über die vollständigen alten Karten und Lagepläne. So führen sie Kontrollgänge durch, um die kriegerischen Überreste aufzuspüren. Der Löwenanteil der registrierten Ruinen ent­stammt  al­lerdings Meldungen von Bürger­meistern, Gemeinden, Forstverwaltungen und Privat­leuten, die die Trümmer ver­schwinden se­hen wollen. Die Vermögensäm­ter führen aber keine Bunkerbeseitigung durch, son­dern - darauf legen sie wert - nur eine „Gefahrenbeseitigung“. Der Be­griff der „Gefahr“ ist natürlich dehnbar und so hat man früher dazu geneigt, die „Gefahr“ an der Wurzel zu packen und gleich den gan­zen Bunker zu entfernen. In der Auseinan­dersetzung mit dem Natur­schutz ist man zum Leidwesen der Bauern und der Forstbe­hörden zu einer restrikti­veren Haltung übergangen.

Bis 1984 standen den Finanzbehörden jährlich rund 3 Millionen Mark zur Gefah­renbeseitigung in Rheinland-Pfalz und im Saarland zur Verfügung. In den letzten beiden Jahren sind die Mittel gesunken, 1986 waren es aber immer noch 1,8 Millio­nen Mark. Bisher wurden in Rheinland-Pfalz rund 43 Millionen und im Saarland rund 15 Millionen für die „Westwall-Ent­sorgung“ verpulvert.

Rund 2500 Bunker wurden in Rheinland-Pfalz auf Geheiß der OFD total beseitigt. Dazu kommen weitere 1200, die vor Flur­bereinigungen, Neubaugebieten und dem Straßenbau kapitulieren mussten. Allein beim Bau der Autobahn A 8 zwischen Lim­bach/Saar und Höheischweiler bei Pirma­sens wurden 52 Anlagen, darunter die größten Festungswerke des Westwalls, ge­schliffen. An insgesamt 6800 rheinland-pfälzischen Bunkeranlagen ließ die Bun­desvermögensverwaltung Maßnahmen zur Ge­fahrenbeseitigung durchführen, jährlich kommen durchschnittlich 70 - 90 Bunker und 35 Stollen hinzu. Über die genaue An­zahl der Stollen hat die Oberfinanzdirek­tion keine Unterlagen. Sicher ist nur, daß an rund 1250 Stollen Maßnahmen durch­geführt wurden. Nach Schätzungen der OFD wurden 70 Prozent verschlossen und 30 Prozent total verfüllt.

Einige unbeschädigte Stollen und West­wallbunker führten nach Kriegsende nur ein kurzes Reservistendasein und wurden bald wieder reaktiviert. Sie dienen heute der US-Armee oder der Bundeswehr, in man­chen Fällen auch dem Zivilschutz als Luftschutzanlage.

 

Gefahren für Leib und Leben ?

In den Ruinen des ehemaligen Westwalls lauern - will man seinen Ver­waltern glauben - Gefahren auf Schritt und Tritt . „Absturzhöhen vom Bunker und in die Bunkerhohlräume von 3 bis 6 Meter, sichtbare und verdeckte Spalten, Einspü­lungen, Absenkungen, abstehende und her­ausragende Moniereisen (verrostet)“, so beschreibt die Oberfinanzdirektion (OFD) Koblenz, die Fallen, die in den Kampfan­lagen Spaziergänger, Wanderer und spie­lende Kinder bedrohen. Bei den Stollen sind es Einbrüche, Verwer­fungen, senk­rechte Schächte und loses Erdreich.

Diese Gefahren für Leib und Leben gilt es, so die OFD, zu beseitigen. Die „Ver­kehrssicherungspflicht“  habe Vorrang vor allen anderen Belangen. Wie dieser Pflicht Genüge getan werden kann, ent­scheidet eine Begehungskommission, fünf bis fünfzehn Mann stark. Ihr gehören Ver­treter aller beteiligten Behörden an. OFD und Vermögensämter stellen die Gefahren fest, die es zu beseitigen gilt. Wie das gemacht werden soll, bestimmt die Staats­bauverwaltung. Sie übernimmt auch die Ausschreibung und Überwachung der Ar­beiten. Zwei Bergbauingenieure sind bei den Oberfinanzdirektionen Saarbrücken und Karlsruhe eigens als Gutachter für den Zustand der  Stollen beschäftigt.

Die „typische Gefahrenbeseitigung“ an den Bunkern beschreibt die OFD Koblenz so: „Bei der konkreten Gefahrenbeseiti­gung werden nur gezielte Einzelmaßnahmen durchgeführt, zum Beispiel Abtrennen her­ausragender Moniereisen, Auffüllen von Einspülungen, Aufschütten von Absenkungen et cetera. Im übrigen bleibt die Anlage wie sie ist.

Bei der nachhaltigen Gefahrenbeseiti­gung werden die Bunkertrümmer in Brocken von dreißig mal dreißig Zentimeter zer­sprengt, die Monierung entfernt und die Trümmer in den Bunkerhohlraum oder auf dem Grundstück an Ort und Stelle vergra­ben. Anschließend erfolgt eine Erdüber­deckung. Die nachhaltige Gefahrenbeseiti­gung ist oft wirtschaftlicher.“

Stollen werden - wenn sie nicht total verfüllt werden - beispielsweise abgemau­ert und mit Erde angeböscht, oder zubeto­niert. Ein Verschließen des Stollens mit eine Stahltür wird in der Regel nur in Betracht gezogen, wenn er für den Luft­schutz oder als Lagerraum genutzt werden soll.

Eine Zeitlang wurden die Trümmergrund­stücke einfach eingezäunt, in Rheinland-Pfalz und im Saarland jeweils rund 1400. Inzwischen denkt die OFD nur noch ungern über Umzäunungen nach, denn, so Koblenz wörtlich, „ein verrottungsfester Zaun ko­stet heute 80 bis 100 Mark pro laufender Meter.“ Je nach Bunkergröße ergäben sich so 8 000 bis 15 000 Mark. Die Zäune müs­sten ständig kontrolliert und ausgebes­sert werden. Das Zertrümmern eines Bun­kers kostet demgegenüber ohne die Neben­kosten rund 30 Mark pro Kubikmeter Beton. Bei einer durchschnittlichen Menge von 250 bis 300 Kubikmeter Beton pro Objekt ergäben sich ebenfalls cirka 10 bis 15 000 Mark - und die arme Seele habe Ruh. Die Vermögensverwaltung geht deshalb mehr und mehr dazu über, defekte Zäune nicht mehr zu reparieren, sondern die Trümmer­grundstücke durch eine „nachhaltige Ge­fahrenbeseitigung“ zu entschärfen.

Die Zertrümmerung von größeren Anlagen kann allerdings ziemlich teuer werden. So kann die Beseitigung eines B-Werks durch­aus bis zu 300 000 Mark kosten, die Ver­füllung eines Stollens bis zu einer hal­ben Million Mark. Lohnt sich der Aufwand?

In Rheinland-Pfalz sind in den West­wall-Anlagen bisher keine schweren oder tödliche Unfälle passiert. Lediglich vier Sachschäden mit Kühen und einem Mähdre­scher - für die die OFD nicht haftet - und ein Unfall mit einer leichten Verlet­zung sind bekannt geworden. Im Saarland soll 1960 ein Kind tödlich verunglückt sein, als es in ein herausragendes Mo­niereisen fiel. 1974 erstickten in Saar­brücken zwei Kinder in einem Wehrmachts­stollen, nachdem sie ein Feuer entfacht hatten. Allerdings war ausgerechnet die­ser Stollen vorschriftsmäßig  von den Be­hörden gesichert worden. Dann gab es 1976 im Saarland den Entführungsfall Gernot. Der Entführte wurde tot in einem West­wallbunker gefunden. Während die Vermö­gensverwaltung die vergleichsweise ge­rin­ge Unfall­rate auf ihre Sicherungs­maßnahmen zurückführt, spricht der För­ster Armin Osterheld, vom Bund für Umwelt und Naturschutz Südliche Weinstraße (BUND), von einer „nur in der Einbildung existierenden Gefahr“. Die 43 Millionen, die bisher allein in Rhein­land-Pfalz für die Gefahrenbeseitigung ausgegeben worden sind, seien eine „Pra­xis der Verschleude­rung von Steuer­geldern“. Hätte man diese Gelder in eine Stiftung eingebracht, so der Förster wei­ter, könnte man alleine von den anfallen­den Zinsen alle Unter­haltskosten und Schadensersatzansprüche in der Zukunft finanzieren. Mit dem glei­chen Tenor hat sich auch der Bund der Steuerzahler nach der Bunkerbeseitigung erkundigt. Kurt Langguth, Vorsitzender des BUND-Pirmasens vertrat in einem Brief an den Umweltmini­ster die Meinung, daß der Gefahrenbegriff der Bundesvermögens­ämter unrealistisch sei. Er zitiert einen Sachbearbeiter, der die Meinung vertrat, daß selbst ein frei­stehender, großer Betonbrocken eine Ge­fahrenquelle darstellt, „es könnte ja je­mand hinauf­klettern und herunterfallen.“ Damit sei klar, meint Langguth, daß die Vermögens­verwaltung nach und nach alle Bunkerrui­nen unter ihrer Verantwortung eliminieren möchte. Ins gleiche Horn stößt Armin Osterheld: Die Behörden hät­ten sich ver­selbstständigt, die Bunkerbe­seitigung sei längst zum Selbstzweck ver­kommen, - eine Arbeitsbeschaffungsmaß­nahme im Selbstbe­dienungsverfahren, die ohne Rücksicht auf den Naturhaushalt durchgeführt werde.

Natur im Bunker ?

Der Bau des Westwalls war ein tiefer Einschnitt in die Landschaft des pfälzischen Grenzlandes. Nimmt man alles zusammen, die vielen Millionen Kubikmeter Beton, den Wegebau, die Erdbewegungen, die Kahlhiebe, muß man von einer Umwelt­zerstörung ersten Ranges reden. Deshalb wirkt es auf den ersten Blick absurd, daß ausgerechnet Umwelt- und Naturschützer zu glühenden Westwall-Verteidigern geworden sind. Es ist schwer verständlich, daß die Bunkerruinen und die halb zerfallenen Stollen heute eine Zufluchtsstätte für Pflanzen und Tiere sein sollen.

Um es zu verstehen, müssen wir unseren Blick vom Westwall lösen, müssen wir be­trachten, was mit Natur und Landschaft, mit den Pflanzen und Tieren in den letz­ten hundert Jahren passierte.

In Rheinland-Pfalz sind 50 Prozent der Säugetiere, 49 Prozent der Vögel, 50 Pro­zent der Kriechtiere, 76 Prozent der Lur­che und 69 Prozent der Fische ausgestor­ben, verschollen oder vom Aussterben be­droht (Naturschutz-Handbuch Rheinland-Pfalz, herausgegeben vom Ministerium für Umwelt und Gesundheit, 1982). Ähnlich sieht es bei den Insekten aus: 60 Prozent der Tagschmetterlinge und 50 Prozent der Libellen sind dabei, sich für immer von uns zu verabschieden. 51 Prozent der in Rheinland-Pfalz vorkommenden Geradflüg­ler, wie Heuschrecken und Grillen, sind ausgestorben oder in ihrem Bestand ge­fährdet. Das gleiche düstere Bild ergibt sich bei den Pflanzen: Jede dritte, der rund 2700 deutschen Blütenpflanzen und Farne, droht aus unserer Landschaft zu verschwinden. Die Studie „Global 2000“, die im Auftrag des amerikanischen Präsi­denten entstand, prognostiziert, daß im Jahre 2000 weltweit rund 2 Millionen Pflanzen- und Tierarten ausgerottet sein werden.

Im Jahr 2030 wird es einen „stummen Frühling“, einen Frühling ohne Vogelge­zwitscher geben. Das prophezeit die Max-Planck-Gesellschaft in München, die 10 Jahre lang die Bestände unserer heimi­schen Vogelarten beobachtet hat. Nach dieser Untersuchung gehen die Vogelbe­stände langsam aber stetig zurück. Wird diese Entwicklung nicht gebremst, wird es bald nach der Jahrtausendwende keine Vö­gel mehr geben.

Schuld an dieser dramatischen Entwick­lung ist vor allem die Zerstörung der Le­bensräume (Biotope), an die Pflanzen und Tiere gebunden sind. Hauptverursacher des Artenschwunds ist dabei die moderne, in­tensive Landwirtschaft. Die Bundesfor­schungsanstalt für Naturschutz und Land­schaftsökologie hat nachgewiesen, daß 75 Prozent der ausgestorben oder bedrohten Pflanzenarten auf das Konto der Landwirt­schaft gehen. Und mit jeder Pflanze ver­schwinden 10 bis 20 Tierarten. Dabei hat erst das tief gegliederte Mosaik aus Fel­dern, Weiden, Wäldern und Siedlungen den Artenreichtum der Kulturlandschaft ermög­licht. Aber der Druck, auf immer engerem Raum immer mehr Nahrungsmittel erzeugen zu müssen, läßt der Natur keinen Raum mehr. Die moderne Landwirtschaft zerstört ihr eigenes Erbe. Die maschinengerechte Landschaft, wie sie mit den Flurbereini­gungen geschaffen worden ist, ist ein „Biotopfresser“ ersten Ranges:

·      Feuchtwiesen und Kleingewässer wurden entwässert, umgebrochen und aufgefüllt. Die unscheinbaren Tümpel und die morasti­gen Wiesen sind für alle Amphibien, wie Frösche, Lurche und Kröten, unverzicht­bare Lebensräume. Außerdem brüten in ih­nen zahllose Vogelarten. Am Beispiel der „Mardellen“ im Westrich kann der Rückgang der Kleingewässer nachvollzogen werden. Mardellen sind wassergefüllte Vertiefun­gen, die sich im Westricher Land bis nach Lothringen hinein verstreut finden las­sen. Ihre Entstehung ist bis heute noch nicht vollständig geklärt. 1929 gab es westlich von Pirmasens noch 149 Mardel­len, 1974 wurden nur noch 74 gezählt. Seitdem hat ihre Anzahl weiter  kontinu­ier­lich abgenommen. Auf der Gemarkung der Stadt Pirmasens ist der Klosterpfuhl die einzige Feldmardelle, die noch zu finden ist.

·      Fließgewässer wurden begradigt, aus­gesteint, ihre Ufer von Bewuchs „gesäu­bert“. Der Sprung vom lebendigen Bach zum toten Vorfluter ist weiträumig vollzogen. Mit den Schlingen der Bäche, den Uferge­hölzen und den Steilabbrüchen verschwin­den Vögel, wie der Eisvogel, Süßwasserfi­sche, Krebse und Muscheln. In einem in­takten Bach können 486 wirbellose Tierar­ten und 3 180 Individuen nachgewiesen werden, während ein vergleichbarer ausge­bauter Bach nur 251 Tierarten in ganzen 450 Individuen vorweisen kann. Zu dem technischen Ausbau der Gewässer kommt ihre Verschmutzung durch Industrie- und Siedlungsabwässer.

·      Hecken und Baumgruppen wurden gero­det. Die Hecke ist ein sehr vielseitiger Lebensraum. In norddeutschen Wallhecken wurden in nur einem Heckenabschnitt 1500 Tierarten nachgewiesen, von der Kröte über den Igel bis zum Neuntöter. Darüber­hinaus sind Hecken „Relaisstationen“ für Tierarten, die im Ackerumland leben. Zahlreiche Insektengruppen, wie Marienkä­fer und Raubwanzenarten, halten sich in der Hecke nur zu bestimmten Jahreszeiten auf. Das Leben in der Hecke wirkt sich positiv auf das Umfeld aus. Die Bayeri­sche Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenanbau hat herausgefunden, daß sich im Schutz einer acht Meter hohen Hecke Ertragssteigerungen von im Durch­schnitt zwanzig Prozent erzielen lassen. In den Bäumen der Obstwiesen hausen Steinkauz, Gartenrotschwanz und die na­hezu ausgestorbenen Würgerarten.

·      Trocken- und Halbtrockenrasen wurden in Anbauflächen umgewandelt oder nicht mehr bewirtschaftet, beides bedeutet ihre Zerstörung. Die Trockenstandorte sind heute die am meisten bedrohten Lebens­räume in der Bundesrepublik. Trocken­standorte sind auf extrem mageren Böden entstanden, in ihrer Mehrzahl verdankten sie ihr Dasein der menschlichen Hand. Sie entstanden durch eine periodische Bewei­dung oder durch Mähen. Da die Böden nie gedüngt wurden, wurden sie immer ärmeer und boten vielen Pflanzen einen speziel­len Lebensraum. Auf den Magerstandorten finden wir 600 Arten von Blütenpflanzen und damit fast ein Viertel unserer Pflan­zenwelt. Da ihre Bewirtschaftung unrenta­bel geworden ist, verbuschen diese Le­bensräume und sind damit verloren. Im Kreis Pirmasens sind mehrere Trockenge­biete unter Naturschutz gestellt.

·      Trockenmauern und Lesesteinhaufen wurden entfernt, - auch das Lebensräume aus Menschenhand, bewohnt von Dutzender verschiedener Pflanzen, von Eidechsen und Reptilien.

Zu der Landschaftszerstörung, kommen die Agrarchemikalien. Jährlich werden in der Bundesrepublik rund 20 000 Tonnen Un­krautvernichtungsmittel (Herbizide) von der Landwirtschaft versprüht. Die Acker­wildkräuter müssen da weichen.

Natürlich sind nicht nur die Bauern am Artentod beteiligt. Auf dem zweiten Platz der „Hitparade“ der Bundesforschungsan­stalt für Naturschutz und Landschaftsöko­logie stehen - wenn auch mit deutlichem Abstand -  Forstwirtschaft und Jagd, vor allem durch die Aufforstung von Trocken­rasen und Heideflächen und durch die Um­wandlung von Laubwäldern in Nadelholz­forste. An dritter Stelle folgt der Tou­rismus mit seinen Begleiterscheinungen, wie Skipisten, Lifte, Stauseen und ähnli­chem. Erst danach kommen die Formen der städtisch-industriellen Nutzung, die Ge­winnung von Rohstoffen (Kiesabbau, Torf­abbau), die Wasserwirtschaft und die Ab­fall- und Abwasserbeseitigung.

Jede dieser Nutzungsarten schneidet kräftig in das Netz des Naturhaushalts, jeder weitere Schnitt könnte es zum Zer­reißen bringen.

Die Verinselung der Lebensräume

Eine Politik, die sich ernsthaft um Frösche und Kröten, um Spinnen und Heuschrecken sorgt, und dafür noch die Ruinen des ehemaligen Westwalls heranzie­hen möchte, ist nicht nur an den Stammti­schen heftig umstritten. Was schadet es dem Menschen, wenn die ein oder andere Pflanze, das ein oder andere Tier für im­mer aus dem Raumschiff Erde aussteigt ?

In ihrem Buch „Der lautlose Tod“ be­schreiben die amerikanischen Ökologen Anne und Paul Ehrlich den Artentod mit einem einprägsamen Bild: Stellen Sie sich vor, sie schlendern vom Flugsteg hinaus zu Ihrem Jet. Plötzlich entdecken Sie einen Mann auf einer Leiter, der aus ei­ner Tragfläche Schrauben herausdreht. Verblüfft fragen Sie ihn, was er denn da mache. Er antwortet, daß die Luftlinie, bei der er arbeite, herausgefunden habe, daß man diese Schrauben für vier Mark pro Stück verkaufen könne. Sie erklären ihn für verrückt und warnen, daß die Tragflä­che abbrechen könnte. Er antwortet: „Da machen Sie sich mal keine Sorgen, diese Flugzeuge haben einen großen Sicherheits­spielraum. Ich habe schon viele Schrauben aus dem Flügel herausgedreht und die Ma­schine fliegt immer noch. Außerdem brau­chen wir das Geld...“

Der Mensch ist mit allen Tieren und Pflanzen eingewoben in den Organismus der Natur. Im Zusammenspiel aller Arten sorgt der funktionierende Naturhaushalt dafür, daß Atemluft und Trinkwasser vorhanden sind, daß das Klima erträglich bleibt und der Boden fruchtbar. Jede aussterbende Tier- oder Pflanzenart, kann diesen hoch­komplizierten Organismus ins Schleudern bringen, könnte die entscheidende Schraube sein, die die Tragfläche noch am Rumpf hält.

„Wildlebende Tiere und wildwachsende Pflanzen sind vielfältig wirksame Be­standteile unseres gemeinsamen Lebensrau­mes,“ schrieb der damalige Mainzer Um­weltminister Rudi Geil im Naturschutz-Handbuch Rheinland-Pfalz. „Auf sie sind wir bei allem ‘Fortschritt’ angewiesen. Deshalb muß unser vorrangiges Ziel sein, die Tier- und Pflanzenwelt als unsere na­türliche Lebensgrundlage zu erhalten, zu schützen und zu pflegen.“ Das Handbuch führt einen weiteren wichtigen Grund für den Arten- und Biotopschutz an: Die Wild­pflanzen und -tiere bilden einen uner­messlichen „Genpool“: „Artenschutz aus dieser Sicht zu betreiben, geht von Er­kenntnissen und Erfahrungen der Genetik in den letzten Jahrzehnten aus, wonach Wildarten nicht nur für die aktuelle Züchtung von Nutztieren von hohem Wert sind, sondern mit Sicherheit auch in Zu­kunft wertvolles Erbgut einbringen kön­nen, wenn bisher nicht absehbare Ansprü­che zu erfüllen sind.“ Schließlich war Penicillin lange Zeit nur ein Namen für einen unscheinbaren Pilz. Insofern hätte der amerikanische Dichter Ralph Emerson doch recht, wenn er sagt, ein „Unkraut“ sei einfach eine Pflanze, deren Wert wir noch nicht erkannt haben.

Der Sachverständigenrat für Umweltfra­gen faßt in seinem Umweltgutachten 1978 grundlegende Argumente für den Arten­schutz so zusammen: „Daneben treten Schutzgründe psychologischer, ästheti­scher und ethischer Art. Eine vielfältige Naturausstattung bedeutet unbestreitbar eine Bereicherung der menschlichen Er­fahrungswelt und dient der Befriedigung ideeller Bedürfnisse. Aus Sicht der Um­weltvorsorge erscheinen Mensch und Natur als Partner; diese Partnerschaft umfaßt auch die Verantwortung dafür, daß allem nicht menschlichen Leben im Rahmen dieses Systems die bestmöglichen Chancen der Existenz und Evolution geboten werden (Ehrfurcht vor der Natur).“

Was folgt aus all diesen guten Argumen­ten? Noch einmal Minister Rudi Geil: „An­gesichts des bereits zu verzeichnenden hohen Gefährdungsgrades der Pflanzen- und Tierwelt muß von seiten des Naturschutzes mit Nachdruck auf die lebensbedrohenden Folgen eines weiteren Verlustes an Bioto­pen durch fortschreitende Intensivierung der Landnutzung hingewiesen werden.“ Zur Erhaltung der Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten, so der Minister weiter, müs­sten mindestens zehn bis fünfzehn Prozent der Fläche eines Landes aus intakten, funktionstüchtigen Lebensräumen bestehen. Das Landesamt für Umweltschutz und Gewer­beaufsicht in Oppenheim hat 1980 bis 1984 die rheinland-pfälzischen Lebensräume kartiert und kam auf cirka 30 000 Bio­tope, die nach grober Schätzung eben fünfzehn Prozent der Landesfläche bedek­ken. Das bedeutet nach den Worten des Mi­nisters, „daß die überkommenen Lebens­räume kaum noch geschmälert und nur inso­weit noch anderen Nutzungen zugeführt werden können, als sich dies aus ökologi­schen Gründen nicht verbietet und gleich­wertiger Ausgleich oder Ersatz geschaffen wird.“ Leider hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt. Die noch vorhan­denen naturnahen Flächen stehen unter ständigem Druck. Eine Erhebung in Bayern hat erbracht, daß von den kartierten Bio­topen rund die Hälfte nach fünf bis sie­ben Jahren zum Teil erhebliche Beein­trächtigungen aufwiesen. Förmlich unter Schutz gestellt, sind aber noch nicht einmal 1 Prozent der Flächen in Rhein­land-Pfalz. („Arten und Biotop­schutz, Aufbau eines vernetzten Biotopsy­stems“, Fachtagung 1984).

Mit einer Unterschutzstellung allein ist es noch nicht getan. Viele Biotope sind auf Dauer nicht überlebensfähig. Sie liegen wie einsame Inseln in einer le­bensfeindlichen Umgebung. Viele Tier- und Pflanzenarten können die Distanz bis zum nächsten geeigneten Lebensraum nicht mehr bewältigen. Oft ist schon eine Straße eine unüberwindbare Barriere. Ausbreitung und Zuwanderung sind damit unterbunden. Deshalb müssen die Biotope untereinander verbunden - „vernetzt“ - werden. Nach Professor Sukopp von der Technischen Uni­versität Berlin muß die Vernetzung fol­gendes sicherstellen:

·      Die Wiederbesiedlungsmöglichkeit von Lebensräumen.

·      Den langfristigen Genaustausch zwi­schen den Biotopen. Eine isolierte Situa­tion kann durch Inzucht zur Degeneration von Arten führen.

·      Die Verbindung zwischen Teillebens­räumen einer Art. So haben Amphibien, wie Frösche und Lurche, ihre Kinderstube im Wasser, leben erwachsen aber auf dem Land. Zur Fortpflanzung kehren sie zum Wasser zurück. Zugvögel haben im Sommer und Winter unterschiedliche Lebensräume. Der Graureiher pendelt zwischen Schlaf­platz und „Kantine“. Sein Brutplatz auf einem hohen Baum und sein Jagdgebiet an einem Gewässer können bis zu 30 Kilometer auseinander liegen.

In Rheinland-Pfalz sind seit einigen Jahren Vorarbeiten zum Aufbau eines „Ver­netzten Biotopsystems“ im Gange. Es gibt darin zwei Arten von Vernetzungselemen­ten:

·      „Korridore“, das sind zum Beispiel Heckensysteme, trockene Böschungen, was­sergefüllte Gräben, - also ununterbro­chene Verbindungsstränge.

·      „Trittsteine“, wie Baumgruppen, Ein­zelbäume, Tümpel, Teile von Hecken et ce­tera. Also Punkte, die so nah aneinander­gelegen sein müssen, daß die Distanz da­zwischen, von den einzelnen Arten noch „übersprungen“ werden kann.

Solche Trittsteine können zum Beispiel auch die Ruinen des Westwalls sein. Mit der ökologischen Bedeutung der Bunker und Stollen in den verschiedenen Lebensräumen werden sich die nächsten Folgen unserer Serie beschäf­tigen.

Oasen in der Agrarwüste: Bunkerruinen im Feld

Sie wirken irgendwie fremdartig, die kleinen grünen Hügel auf den Feldern und Wiesen hinter Obersimten in Richtung Vinningen, oder entlang der Straße von der B 10 in Richtung Walshau­sen. Dicht aneinander gedrängt, teils mit Gräsern, teils mit Büschen, Hecken und Bäumen bewachsen, erinnern sie ein wenig an heidnische Grabstätten und so etwas ähnliches sind sie ja auch: Unter ihnen liegen die Trümmer des Westwalls begra­ben.

Manchmal sind die Ruinen schwer zu er­kennen. So ist etwa das Wäldchen an der Straße zum Militärflughafen Zweibrücken, zwischen Nünschweiler und dem Wahlbacher­hof, nichts anderes als die bewachsenen Trümmer eines  B-Werks. Meistens sind sie nicht zu übersehen: In einer baum- und strauchlosen Landschaft sind sie die Aus­nahme, kleine dichtbewachsene Oasen in der Agrarwüste.

Genau das macht ihren Wert aus. Als die Feldhölzer dem Wachstum der Landmaschinen weichen mußten, als die Flurbereinigung die alten Obstbäume und die bewachsenen Wegränder ausradierte, sind die Hecken und Bäume auf den übererdeten Bunkern geblieben, weil der massive Beton sie vor allen Nutzansprüchen bewahrte. Für viele Pflan­zen und Tiere, die von Chemie und Mecha­nik aus den umliegenden Äckern ver­trieben wurde, sind sie die letzte Auf­fanglinie - Umwelt-Schutzbunker. Der Um­weltingenieur Arno Sprau hat im Auftrag der Stadt Zwei­brücken die Westwallbunker unter die Lupe genommen. 140 Käferarten und 108 Pflan­zenarten hat er auf ihnen gefunden. Das nahezu gleiche Ergebnis er­zielte der Keh­ler Vogelschützer Andreas Braun in einer preisgekrönten Jugend-forscht-Arbeit. Braun wies nach, daß an den Bunkern mehr als doppelt soviele Kä­ferarten zu finden sind, als im angren­zenden Kulturgebiet. Während die Arten der Bunkerruinen in ei­nem ausgewogenen Verhältnis zu einander stehen - Räuber und Beute sind gleich­mäßig vertreten -  finden sich in der Kulturlandschaf einige Käferarten so häu­fig, daß sie schädlich werden können. Schlußfolgerung des Bio­logen: Die Ruinen haben eine ganze Reihe von Schutzaufgaben, wie „Windschutz, Ver­besserung des Klein­klimas, Schutz vor Erosion und Austrock­nung, Staubfilterung. Als Lebensräume für Schädlingsvertilger wie Igel, Spitzmaus und Laufkäfer sowie für Kleinraubtiere wie Mauswiesel und Il­tis wirken sie zudem als biologische Schädlingskontrolle und Tierbestandsregu­lierer.“

Der ökologische Wert der Bunkerruinen erhöht sich durch die Vielzahl der unter­schiedlichen Lebensräume, die sie auf kleinster Fläche aufweisen. In dem Gewirr aus kleinen trockenen und feuchten Höh­lungen, schattigen Spalten, schrägen son­nigen Wänden und kleinen Wasseransammlun­gen fühlen sich eine ganze Reihe von In­sekten, Reptilien, Vögel und Kleinsäugern heimisch. Hier finden sie das ganze Jahr Nahrung, Schutz, Fort­pflanzungsmöglich­kei­­ten und Unterschlupf. Dieter Geil vom Bund für Umwelt und Naturschutz Südliche Weinstraße (BUND) hat in den Ruinen auf den Weinbergen die Zauneidechse, die Mauereidechse, ja sogar die Würfelnatter gefunden.  Ebenso  Dachs,  Siebenschlä­fer, Feldhamster und Hasel­maus. Hinzu kommen Kröten, Molche und Froscharten. Gerd Hack vom Deutschen Bund für Vogel­schutz Zweibrücken (DBV) weiß, daß Neun­töter, Feldschwirl, Steinschmät­zer und der Vogel des Jahres 1987, das Braunkehl­chen, in Westwallruinen brüten. Extrem vielseitig ist auch der Bewuchs der zer­störten Bunker. Bernhard Michel, der Zweibrücker Landespfleger, nennt ne­ben Baum- und Strauchbewuchs, Ruderal­flora (Pflanzen auf stickstoffreichem, lockerem Boden wie Erdabbruch, Geröll, Schutt etc.), Gräser, Hochstauden bis hin zum Trockenrasencharakter. Michels Fazit: „Es wäre nun sicherlich übertrieben, sie (die Westwallruinen) in ihrer Funktion etwa bestimmten Schutzgebieten gleich­zusetzen, dafür sind sie flächenmäßig zu klein. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in der Tat­sache, daß die alten Kampfanlagen Tritt­steine zwischen noch bestehenden, ökolo­gisch halbwegs intakten Flächen (...) dar­stellen, und somit einen nicht zu unter­schätzenden Beitrag zur Vernet­zung von Lebensräumen leisten.“ (DBV-Na­turschutz-Illustrierte 8/86)

Entsprechend empfindlich reagieren die Naturschützer auf die Beseitigung der „Rettungsinseln“. Gerd Hack ist noch heute extrem erbost, wenn er an die Zer­störung einer Anlage am „Förstel“ in der Walshausener Gemarkung denkt. Zuerst hatte die Flurbereinigung - neben anderer Umweltsünden - 22 Bunkerruinen rings um Walshausen geschliffen. Ein anderer Teil der Bunker wurde von den Behörden als „landespflegerische Anlagen“ ausgewiesen. Doch kaum war die Flurbereinigung vorbei, kam die Bundesvermögensverwaltung und ließ die „landespflegerischen Anlagen“ als Gefahrenstelle kurzerhand beseitigen. Um das Maß vollzumachen, wurde der Abraum der Bunker in eine daneben liegende 300 Quadratmeter große Mardelle gekippt und somit ein wertvolles Amphibienlaichgewäs­ser vernichtet. Bei einer Bunkerbeseiti­gung am Offweilerhof wurde der Brutstand­ort des Grauwürgers zerstört. Gerd Hack: „Es war der einzige uns bekannte Brut­platz dieses seltenen Vogels in unserem Ar­beitsbereich. Somit ist diese vom Aus­sterben bedrohte Würgerart aus unserem Raum verschwunden.“

Die Bauern und Winzer sehen die Angele­genheit aus einem anderen Blickwinkel. Sie erinnern daran, daß sie beim West­wall-Bau ohne gefragt zu werden enteignet wurden, daß sie in den Kriegsjahren zwi­schen Bunker und Panzersperren pflügen und ernten mußten. Der CDU-Stadtrat Schoch pocht als Vertreter der Landwirt­schaft im Landespflege­beirat Pirmasens auf die völlige Beseiti­gung der Bunker. Mit den heute üblichen Maschinen, so der Bauer aus Winzeln, würde man ständig anecken, Pflüge würden abbrechen, dort wachsende Bäume würden das Feld beschat­ten, sodaß das Getreide später reif würde. Er möchte, unterstützt von der pfälzischen Bauern- und Winzerschaft, daß die Bunker an Ort und Stelle vergraben werden. Andernfalls, so die pfälzische Bauernschaft, müsse die Landespflege die Bunkergrundstücke erwerben.

Allerdings wurden die Bauern in den Jahren 1960 bis 1975 für die Betonbrocken auf ihrem Acker entschädigt. „Die Ent­schädigung“, erklärt die Oberfinanzdi­rektion in Koblenz, „richtete sich nach der in Anspruch genommenen Fläche des Grundstücks.“ Durchschnittlich gab es 120 bis 250 Mark pro Objekt. Ein reeller Preis, versichert die OFD, es seien aktu­elle Kaufverträge zugrunde gelegt worden.

Bunker im Wald

Die Notwendigkeit von Naturschutz in der Agrarlandschaft ist unumstritten. Der Wald gilt dagegen weit­hin noch als reine Natur. Die Existenzbe­rechtigung der Westwall-Ruinen wird des­halb im Waldgebiet beson­ders angezwei­felt.

Dabei ist der Wald - wie die gesamte mitteleuropäische Landschaft - menschen­geprägt. Prof. Dr. Norbert Hailer, Forst­direktor und Vorsitzender des Landespfle­gebeirates bei der Bezirksregierung, meint: „Der heutige Wald ist längst kein Urwald mehr, sondern ein Wirtschaftswald, dessen Zusammensetzung mehr oder weniger von wirtschaftlichen Nutzungsansprüchen bestimmt wurde und wird.“ (Pfälzische Landeskunde, „Die pflanzengeographische Situation der Pfalz.“).

Der bekannte Journalist Horst Stern, verteidigt die Forstwirtschaft: Eine „Kulturtat ersten Ranges“ sei es gewesen, den Wald jahrhundertelang bewahrt zu ha­ben gegen „die Raubameisenmentalität des Menschen“, den die Technik, so Stern, mit immer schärferen Zähnen versah: „Ganze Wälder gingen in den Öfen der Wohnhäuser, in den Schmelzen der Erz- und Glashütten und unter den Kesseln der Salinen in Flammen auf; sie verbrannten mit den höl­zernen Städten des Mittelalters und ver­sanken mit seinen Kriegs- und Handels­flotten: Nicht also, daß der Urwald aus unserer intensiv genutzten Kulturland­schaft verschwunden ist, kann überra­schen; daß es überhaupt noch Wald bei uns gibt, ist bemerkenswert. Wir verdanken es der waldspezifischen Idee der Nachhaltig­keit; nicht mehr Holz ernten als nach­wächst. Darin steckt, des langen Wachs­tumsalters der Bäume wegen, jeweils mehr Vorsorge für kommende als für gegenwär­tige Generationen.“ - Ein naturfreundli­ches Prinzip, das die Forstwirtschaft zum Vorbild für die Roh­stoffwirtschaft er­hebt.

Die Wälder sind auch als Wirtschafts­forste noch das ökologische Rück­grat der Landschaft. In ihnen und den Gewässern leben mehr als die Hälfte unserer Tier- und Pflanzenarten. Die Wäl­der sorgen nach wie vor für ein erträgli­ches Klima, für atembare Luft, für sau­beres Wasser. Trotzdem sind die Eingriffe des Menschen in das Ökosystem Wald gra­vierend. Drei Viertel der vom Aussterben bedrohten Säu­getiere leben im oder in un­mittelbarer Nähe des Waldes, ebenso wie 56 von 133 gefährdeten Vogelarten. Pro­fessor Dr. Günter Preuß, Vorsitzender des Vereins für Naturforschung und Landes­pflege Pol­lichia, be­nennt die Ursachen dieser be­drohlichen Entwicklung: „Die kurzen Um­triebszeiten der Waldbäume, die Beseiti­gung von Stub­ben, von auf dem Bo­den lie­gendem Holz, von Weichhölzern und überal­terten Altbäu­men haben eine ent­sprechende Artenselek­tion herbeigeführt. Die Verwen­dung von Herbiziden zur Eindäm­mung von Wildkräu­tern in Kulturen, auf Schneisen und Lei­tungstrassen kann zu schwerwiegen­den Aus­wirkungen auf die Fauna führen. Betroffen sind davon die Blattfresser und vor allem die Blütenbe­sucher, deren Nahrungsgrund­lage durch die schlagartige Vernichtung blühender Wild­kräuter ... zu­sammenbricht, ohne daß aus­reichender Er­satz besteht. Holzmulm- und höhlenbewoh­nende Tiere sind ebenfalls stark zurück­gedrängt worden... Von den ausschließlich blütenbesuchenden und für die Bestäubung der Pflanzen so wichtigen Grab- und Lehm­wespen sind rund 60 % der Arten auf altes Holz für den Nestbau an­gewiesen, hinzu kommen etwa zwei Dutzend Wildbienen unse­rer Wälder. Ehemalige Großtiere unserer Wälder sind ohnehin verschwunden. (Bär, Luchs, Wolf usw.), andere werden immer seltener wie Wild­katze, Auerwild und Ha­selwild.“ (Pfälzi­sche Landeskunde, „Be­merkungen über Öko­systeme der Pfalz“).

Im Kulturwald fehlt die Phase des Ster­bens und Verwesens. Während im Urwald die Bäume zu Riesen heranwachsen und oft jahrhundertelang leben bis sie morsch werden oder der Wind sie wirft, werden die Bäume im Wirtschaftswald nach 100 bis 140 Jahren „geerntet“, sie sterben im Vollbesitz ihrer Kräfte unter der Motor­säge. Tiere, die auf morsches Holz und Baumhöhlen angewiesen sind, wie bei­spielsweise der Schwarzspecht, die Hohl­taube oder Baumfledermäuse sind in unse­ren Wäldern deshalb rar geworden.

Das Auerwild hat dagegen vor allem Pro­bleme mit dem „Altersklassenwald“. Im Na­turwald stehen Bäume jeden Alters und je­der Stärke bunt durcheinandergewürfelt. Im Wirtschaftswald sind die Bäume dagegen fein säuberlich nach Alter sortiert, wie die Schüler in den Schulklassen.

Auch die Zusammensetzung des Waldes hat sich unter wirtschaftlichem Druck völlig verändert. Die natürlichen Wälder der Pfalz sind sommergrüne Laubmischwälder, auf dem nährstoffarmen Sandsteinböden vor allem der sogenannte Hainsimsen-Buchen­wald. Neben Buchen und Eichen sind im Pfälzerwald - vor allem im Wasgau - auch Tannen- und Kiefernmischwälder heimisch. Inzwischen beträgt der Anteil von Buchen- und Eichengesellschaften im Pfälzerwald nur noch knapp 45 Prozent. Dagegen ist die Kiefer mit rund 40 Prozent stark überrepräsentiert. Auch Fichten und die nordamerikanische Douglasie haben einen beachtlichen Anteil am Pfälzerwald ero­bert. Sie sind vor allem die „Brot­bäume“ für die Forstwirtschaft: Schnell­wüchsig und mit gutem Ertrag. Allerdings können sie sich auch nur durch die Unter­stützung der Förster gegen die Baumkon­kurrenz durchsetzen und überleben. Sie sind standortfremd, vor allem in Monokul­turen auch sehr anfällig für Schädlinge und Krankheiten. Sie bieten anderen Tier- und Pflanzenarten kaum Lebensraum und sind ästhetisch trostlos. Für sie gilt Robert Musils Spottdefinition von Wald, als „meistens aus Bretterreihen beste­hend, die oben mit Grün verputzt sind.“

Je vielfältiger, natürlicher und arten­reicher der Wald, desto vielfältiger und artenreicher das Leben, das ihn erfüllt. Untersuchungen in den Wälder der Lünebur­ger Heide haben beispielsweise ergeben, daß in Kiefernaltbeständen mit Laubholz­unterstand doppelt so viele Vogelarten und dreimal soviele Vogelindividuen brü­ten, wie in vergleichbaren unterholzarmen Kiefernaltbeständen.

Luftschadstoffe aus Kraftwerken, Auto­motoren und Verbrennungsanlagen aller Art überschatten die Zukunft der Wälder. Es ist noch nicht abgemacht, ob der Wald am Ende nicht doch der „Raubameisenmentali­tät“ des Menschen zum Opfer fallen wird. Weit über die Hälfte aller Bäume sind im Pfälzerwald durch Umweltgifte schwer ge­schädigt und in ihrer Lebensfähigkeit herabgesetzt. Wenn es dennoch in vierzig oder fünfzig Jahren in der Pfalz noch Wälder geben sollte, werden sie näher an natürlichen Wäldern orientiert sein. Nach dem Willen der Landesforstverwaltung soll der Anteil der Laubbäume wieder kräftig steigen, sollen Monokulturen durch Mischwälder abgelöst werden. Es wird so­gar Urwälder geben, wenn auch nur auf kleinster Fläche: Dreizehn „Naturwaldzel­len“ wurden im Pfälzerwald auf Geheiß der Landesforstverwaltung ausgewiesen. Auf einer Fläche, die sich mit 80 Hektar noch recht gering ausnimmt, darf der Wald zu­gunsten von Forschung und Naturschutz un­gestört von Motorsäge, Freischneider, Unimog und Giftspritze wuchern und mo­dern.

Die Haltung der Forstverwaltung zu den zu den ganz kleinen „Naturwaldzellen“ - den überwucherten Westwall-Ruinen - ist gespalten. Während einige Forstämtern bei der Bundesvermögensver­waltung auf die Be­seitigung der Bunker­ruinen drängen, gehö­ren andere Forstbe­amte zu Vorkämpfern ih­rer Erhaltung. So der südpfälzische För­ster Armin Osterheld oder der Leiter des Forstamtes Schaidt, Klaus Bohlander. Boh­lander möchte sich vom Bundesvermögensamt Landau sogar zwei Ruinen überschreiben lassen. Ein Bunker - nahe der Rodungsin­sel Büchelberg im südpfälzischen Bienwald - fasziniert ihn als Kulturdenkmal: Bei der Sprengung wurde die tonnenschwere Be­tondecke im senkrechten Winkel über die Ruine gestellt. Das Innenleben des Bun­kers liegt nun offen zutage. Man kann den Grundriß wie an einem Querschnitt erken­nen. An einem zweiten Bunker, ganz in der Nähe, hat Bohlander den Braunstieligen Streifenfarn entdeckt, der sonst im Bien­wald nicht vorkommt. Außerdem hat ein Dachs seine Höhle in dem Betonunterstand bezogen. - Ein Hinweis auf die wichtige Rolle der Waldbunker für die Säugetiere. Je mehr die Naturfelsformationen durch Tourismus und Kletterer unter Druck gera­ten, desto mehr werden die kleinen „Er­satzfelsen“ als Ausweichquartier genom­men. So nimmt man an, daß die Westwallre­likte eine wichtige Rolle als Deckung, Unterschlupf und Relaisstation für die scheue Wildkatze spielen. Die weitgehend ausgestorbene Wildkatze ist im Pfälzer­wald noch auf der Jagd. Unter Biologen kursieren Thesen, wonach die Bunkerruinen wesentlich an der Ausbreitung der Wild­katze im Grenzland beteiligt sind. Pro­fessor Günter Preuß jedenfalls hat im Schnee des öfteren Spuren der bis zu über einem Meter großen „Felis silvestris“ an Westwalltrümmern gefunden. Allerdings an rückwärtigen Versorgungsbunkern im Innern des Pfälzerwaldes bei Leimen, Merzalben und Johanniskreuz, wo die Felsen nicht so zahlreich sind, wie im Wasgau. Der wärme­liebenden Katze mit dem charakteristi­schen buschigen Schwanz kommen die nach Südwesten ausgerichteten Bunker als Son­nenspeicher sehr entgegen.

In den Überbleibseln von „Deutschlands Sicherheit in Stahl und Beton“ (Hitler) fühlt sich der Fuchs ebenso geborgen, wie seine potentielle Beute, die Waldspitz­maus. Größere frostfreie Hohlräume werden von den Fledermäusen als Überwinterungs­quartier genutzt. Allerdings ist die Be­deutung der Ruinen in felsenlosen Wäldern wie dem Bienwald sehr viel größer, als im Felsenmeer des Wasgaus.

Trotzdem sind die ehemaligen Bunker - so sehen es Ökologen - eine Strukturbe­reicherung für die Forstwälder. Sie lich­ten den Wald auf, bieten mit ih­ren wu­chernden Sträuchern so etwas wie ein Wal­drand mitten im Wald, haben offene Boden­flächen, was für viele Insekten von Be­deutung ist, und schützen mit ihren klei­nen, verwitternden Betonschluchten boden­brütende Vögel. „Im Sandsteinbereich spielen sie außerdem wegen der im Beton erhaltenen Mineralien die wichtige Rolle von inselartigen Sonderlebensräumen, die im nährstoffarmen Sandstein sonst nicht vorhanden sind,“ ergänzt Professor Preuß. In erster Linie Flechten und Moose spre­chen auf den Kalk und die Phosphate im Westwall-Beton an. Die Trümmer schaffen so Brückenköpfe für fünfzehn bis zwanzig Flechtenarten, schätzt der Experte Dr. John vom Pfalzmuseum für Naturkunde. Diese sind wiederum Nahrungsgrundlage für bestimmte Schmetterlingsraupen und erhö­hen so die Vielfalt der Tierwelt im Grenzgebiet. Genaue Untersuchungen gibt es darüber freilich nicht, wie überhaupt vieles an der Ökologie der Waldbunker noch im Dunkeln liegt.

Stollen: Schutz für Fledermäuse und Am­phibien

In den alten Wehr­machtsstollen wurden früher Waffen, Muni­tion, Verbandsmaterial und Lebensmittel gelagert, sie sollten vor Luftangriffe schützen, oder Kampfanlagen unterirdisch verbinden. Einige von ihnen stehen heute noch im Dienst der US-Armee. Gut ausge­baut hüten sie auch Atomsprengköpfe und chemische Kampfstoffe. Der Rest wurde nach dem Krieg gesprengt oder verfiel. Die schwarzen Löcher, die hinter Bäumen, Büschen und Gräsern gähnen, sind ein ge­wohntes Bild für Wanderer im Grenzland.

Die halbzerfallenen Mündungen führen geradewegs in den Bauch der Erde. Auf Abenteurer, Neugierige und Spinner, die nach nicht vorhandenen Waffen und Schät­zen suchen, üben sie einen geheimnis­vollen Sog aus. Doch wer hier seine Aben­teuerlust befriedigt, riskiert es er­schlagen oder verschüttet zu werden. Die Felsbrocken und Schutthaufen in den Gän­gen zeigen, daß die Höhlen brüchig sind. In manchen Stollen gibt es Abstürze oder senkrechte Schächte, die im Extremfall einige hundert Meter tief sein können.

Nicht nur auf Menschen wirken die alten Stollen anziehend. Mehrere hundert Tier­arten sind in den schützenden Untergrund gegangen. Sie interessieren sich für die besonderen Lebensbedingungen, die in der Unterwelt herrschen. Da ist zunächst die konstante Temperatur. Sommers wie win­ters, Tag wie Nacht ist es gleichbleibend kühl aber frostfrei: Fünf bis zehn Grad Celsius. Wasser rieselt an den Decken herab, Grundwasser steht am Boden und er­zeugt eine hohe Luftfeuchtigkeit. Dazu, die ständige undurchdringliche Dunkel­heit. Pflanzen gedeihen unter diesen Ver­hältnissen kaum, nur Algen, Flechten und Moose im dämmrigen Eingangsbereich, Pilz­rasen an den Wänden im Inneren. Dafür ist das Tierleben außerordentlich reichhal­tig. Dieter Weber, von der Höhlenfor­schergruppe Karlsruhe, hat in pfälzischen Westwallstollen beispielsweise Spring­schwänze, Baldachinspinnen und Flohkrebse gefunden. - Arten, die auf das Höhlenle­ben spezialisiert sind und mehr oder min­der ständig in den Stollen leben.  Nacht- oder dämmerungsaktive Tiere finden tags­über Unterschlupf in den Schächten, zu ihnen gehören beispielsweise die Nacht­falter. Hochbetrieb herrscht aber vor al­lem in der Wintersaison: Grasfrösche, Grünfrösche und Bergmolche nutzen die frostfreien Hohlgänge zur Überwinterung. Der häufigste und standorttreueste Win­terfrischler ist der Feuersalamander. Bis zu 22 Salamander wurden in Wehrmachts­stollen rund um Pirmasens gefunden. Man­che von ihnen leben bis zu 10 Jahren in „ihrem“ Stollen und werden so zu wahren Amphibien-Methusalems.

Für die einzigen Säugetiere der Erde, die je das Fliegen gelernt haben, sind die unterirdischen Gänge von existentiel­ler Bedeutung: Die Fledermäuse. Ihr Name täuscht, mit Mäusen haben die Fledertiere nichts gemein, sie sind keine Nager. Falsch sind auch die Horrorvorstellungen von den „Blutsaugern der Dunkelheit“ mit denen die Fledermäuse Pate bei Graf Dra­cula standen. Die 22 in Deutschland vor­kommenden Fledermausarten sind allesamt harmlose und fleißige Insektenjäger. Eine Wasserfledermaus von gerade 10 Gramm Ge­wicht vertilgt pro Nacht zwischen 300 und 580 Insekten. Eine Kolonie von 50 Tieren schafft somit 14 bis 29 Kilogramm Mücken, Kleinschmetterlinge, Köcherfliegen und dergleichen mehr. Größere Fledermausarten wie das Mausohr, mit einer Körperlänge von sechs bis acht Zentimetern und einem Gewicht bis zu 45 Gramm, brauchen ent­sprechend mehr. Jürgen Gebhard berichtet von einer Kolonie mit 800 Mausohren, die in einer Nacht 55 000 Eichenwickler ver­zehrt haben sollen. (Jürgen Gebhard, „Un­sere Fledermäuse“, Veröffentlichungen des Naturhistorischen Museum Basel).

Fledermäuse sind geschickte und äußerst wendige Flieger. Die größten unter den einheimischen Arten haben Flügelspannwei­ten von um die 40 Zentimetern, die klein­ste Art, die Zwergfledermaus, kommt ge­rade auf die Hälfte. Abendsegler können Fluggeschwindigkeiten von 50 Stundenkilo­metern erreichen, andere, wie etwa die Langohren, sind fähig im Rüttelflug auf der Stelle zu stehen und Insekten von Blättern und Mauern zu klauben. Manche Fledermausarten sind standortgebunden, andere legen weite Strecken zwischen Som­mer- und Winterquartier zurück. Abendseg­ler können mehr als 1500 Kilometer zie­hen. In Kaiserslautern wurde 1972 ein Abendsegler gefunden, der ein Vierteljahr zuvor in der DDR beringt worden war.

Einmalig und faszinierend ist das Ori­entierungssystem der Flugsäuger. Tagsüber fallen die Fledermäuse in eine Schlaflethargie. Erst in der Abenddämme­rung und in der Nacht gehen die Fleder­mäuse auf die Jagd. Sie sind dabei in der Lage, sich in absoluter Dunkelheit sicher zu bewegen, denn sie orientieren sich per Echolot. Im Kehlkopf erzeugen sie Ultra­schallaute, die über über Nase oder Mund ausgestoßen werden. Der zurückgeworfene Schall liefert ihren hochempfindlichen Ohren exakte Hörbilder von ihrer Umwelt. Einige Arten sind dabei in der Lage selbst Drähte von 0,08 Millimetern Stärke wahrzunehmen. Die Ortungslaute liegen in der Regel über 18 Kiloherz und sind daher für Menschen unhörbar, obwohl sie sehr laut sein können. Es wurden schon Schall­pegel von über 100 Dezibel gemessen. Mit bis zu 100 Signalen in der Sekunde wirft die Fledermaus ihr akkustisches Netz über die Beute, spürt sie auf, erkennt sie und bringt sie zur Strecke. Ein hervorragen­des Ortsgedächtnis hilft ihr bei der Jagd.

Aber selbst ihr fabelhafter Orientie­rungssinn konnte sie nicht davor bewah­ren, an den Rand des Aussterbens gebracht zu werden. Heinz Wissing, Fledermaus-Ex­perte aus Ilbesheim in der Südpfalz, konnte in der Pfalz bisher 17 Fledermaus-Arten nachweisen. Davon müssen drei Arten als bereits ausgestorben gelten. Die Kleine Hufeisennase konnte zum letzen Mal im Sommer 1976 im Kreis Pirmasens nachge­wiesen werden, die Große Hufeisennase zum letzten Mal im Winter 1980, die Mopsfle­dermaus fand Wissing in den letzten 10 Jahren nur ein einziges Mal in einem tie­fen Betonspalt im Eingangsbereich eines gesprengten Wehrmachtsstollen. Aber auch bei allen anderen Arten ist ein erschrec­kender Rückgang zu beobachten. So wurden in einem südpfälzer Stollen 1962 noch 63 Individuen von 8 Fledermausarten gefun­den, 1976 waren es nur noch 10 Individuen von 3 Arten. Dieses Beispiel ist exempla­risch. Alle heimischen Fledermausarten stehen auf der Roten Liste der vom Aus­sterben bedrohten Tiere.

Der Mensch hat den Fledermäusen mit der abwechslungsreichen Kulturlandschaft der vergangenen Jahrhunderte einen opti­malen Lebensraum geschaffen. Viele Fle­dermausarten ziehen ihre Jungen direkt in menschlichen Behausungen, in Dachstühlen, Glockentürmen, Scheunen und Ställen groß. Nun kehrt sich die Entwicklung um.

Wie kaum eine andere Tierart leiden die Flugsäuger unter hemi­schen Giften. Ihre Belastung mit Chemikalien liegt im Schnitt um 20 bis 400 mal höher als bei anderen Kleinsäugern. Insektenvertilgungs­mittel verknappen ihre Nahrung und reichern sich in ihrem Kör­perfett an. Tödlich ist die Verwendung von chemischen Holzschutzmit­teln bei der Renovierung von Dachstühlen. In toten Fledermäusen wurden bis zu 500 Milligramm Lindan pro Kilogramm Körperge­wicht gefun­den, ein hochgiftiger Chlor­kohlenwasserstoff (Hexachlor­cyclohexan). Völlig unnötig, denn mit der Heißluftkon­servierung gibt es eine wirksame und un­giftige Methode des Holzschutzes.

Bauliche Maßnahmen rauben den Fleder­mäusen ihren Lebensraum. Das Verschließen von Dachböden, Scheunen und Ställe führt zum Verlust der Sommerquartiere und Wo­chenstuben. Fledermäuse, die in Baumhöh­len leben, leiden darunter, daß es in den modernen Wirtschaftswäldern kaum noch alte und hohle Bäume gibt.

Umso wichtiger ist es, daß die Wehr­machtsstollen erhalten bleiben. Sie sind das Winterquartier für die meisten Fle­dermausarten. Vom Spätherbst bis ins Frühjahr halten sie in der Unterwelt ih­ren Winterschlaf, manche frei an der Decke hängend, andere in Spalten und Schründen verborgen. Ihre Körpertempera­tur sinkt auf null bis  zehn Grad Cel­sius, Atmung und Kreislauf sind verlang­samt. Beim Mausohr wurden Atempausen bis zu 90 Minuten festgestellt! In diesem Stadium sind die Tiere äußerst empfind­lich gegen Störungen. Zum Aufwachen benö­tigen sie eine große Menge Energie. Des­halb gehen die Tiere unweigerlich ein, wenn sie mehrmals aus ihrem Winterschlaf gerissen werden. Schon der bloße Höhlen­tourismus ist im Winter fatal für die Flugsäuger. Lagerfeuer, Zigarettenrauch und Berührung können ihr Ende bedeuten.

Da es im Umkreis von Pirmasens verhält­nismäßig viele Stollen gibt, nimmt die Region bei Fledermäusen offenbar eine Sonderstellung ein. Heinz Wissing hat in der Pfalz rund 400 überwinternde Fleder­mäuse gezählt, davon 269 allein im Kreis Pirmasens. Die äußerst seltene Wimpern­fledermaus fand Wissing in zuletzt fünf Exemplaren nur im Wasgau. 10 Jahre lang hingen sie jeden Winter in immer dem gleichen Stollen in immer der gleichen Deckenvertiefung.

Ein wirksamer Schutz der Winterquar­tiere könnte wesentlich zur Erhaltung der faszinierenden Tiere beitragen. Dr. Hu­bert Roer, Fledermaus-Experte des Museum Alexander König in Bonn, verweist auf eine Bunkeranlage in Westpolen, die von den polnischen Naturschutzbehörden inzwi­schen unter Schutz gestellt worden ist. In ihr überwintern mehr als 10 000 Fle­dermäuse aus 11 Arten. Geschützt wurde, so Roer, auch eine Bunkeranlage an der niederländischen Küste, in der die sehr seltene Teichfledermaus ihr Winterquar­tier bezieht. In der Bundesrepublik gibt es seit 1981 einen „Fledermauserlaß“ des Bundesfinanzministers. Demnach sollen Öffnungsschlitze von 10 mal 40 Zentime­tern dafür sorgen, daß Amphibien und Fle­dermäuse weiterhin Zugang zu den Hohlgän­gen haben, wenn die Stollenmundlöcher aus Sicherheitsgründen zubetoniert werden.

Somit sind sich Naturschützer und Ver­mögensämter eigentlich im Grundsatz ei­nig: Die Stollen müssen vor Neugierigen gesichert, die Tierwelt im Untergrund aber gleichzeitig geschützt werden. Trotzdem tobt auch hier die Auseinander­setzung zwischen beiden Seiten. Die Na­turschützer lehnten lange Zeit Betonplom­ben an den Eingängen der Schächte ab.  Sie fürchteten eine nachteilige Verände­rung des Kleinklimas in den Stollen und wollten zudem die Entwicklung des Fleder­mausbestands kontrollieren. Deshalb for­derten sie eine Sicherung durch massive Gittertore. Damit konnte sich wiederum die Oberfinanzdirektion nicht anfreunden: „Verschließbare Gittertüren werden aufge­brochen oder sonstwie beschädigt. Damit wird das Ziel der Gefahrenbeseitigung nicht erreicht. Außerdem wären die Türen fortlaufend zu kontrollieren und wieder­holt zu reparieren, verursachen also Auf­wand, Zeit und Mehrkosten.“  Erst eine Stollensicherung bei Battweiler sorgte für eine Entspannung der Fronten. Dort wurden in den Betonpfropfen nicht nur Flugschlitze sondern auch ein schmaler Durchschlupf für Menschen eingelassen, der mit einer Stahltür gesichert ist. Der Deutsche Bund für Vogelschutz kontrol­liert im Winter den Stollen und stellte fest, daß er weiterhin von den Fledermäu­sen angenommen wird.

Für einen weiteren Streitpunkt sorgen die Bergbauingenieure der Oberfinanzdi­rektion, deren Zunft ohnehin als wenig sensibel für Umweltprobleme verschrieen ist. Sie fordern die Totalverfüllung von Stollenanlagen bei Höhfröschen und Busen­berg. Begründung für die 200 000-Mark-Maßnahmen: Einsturzgefahr. Die Natur­schützer halten dieses Risko für tragbar, falls die Eingänge gesichert werden. Oberirdisch habe ein eventueller Einsturz durch die Auflockerung des Gesteins und des Erdreichs im Normalfall keine Auswir­kungen. Inzwischen beschäftigen die Stol­len in Busenberg und Höhfröschen schon seit über einem Jahr das Bundesbaumini­sterium in Bonn und das Umweltministerium in Mainz, das hier nach eigener Aussge „die Belange des Artenschutzes mit Nach­druck vertreten“ will.

Die Totalverfüllung von Stollen machte bereits vor einigen Jahren Schlagzeilen: Das Staatsbauamt Kaiserslautern hatte 1982 Stollen am Rodalberhof und bei Dell­feld als Mülldeponie genutzt. Auf Vor­schlag des Bergbauingenieurs der Oberfi­nanzdirektion Saarbrücken waren die Schächte mit Flugasche aus dem saarländi­schen Kohlekraftwerk St. Barbara II in Bexbach verfüllt worden, die wasserlösli­che Salze und Schwermetalle enthielt. Ganz in der Nähe des Stollens am Rodal­berhof bei Pirmasens liegt das Wasser­schutzgebiet im Rodalbtal.

Die Zukunft des Westwalls

Die Debatte um die Be­deutung der Westwall-Ruinen für die Tier- und Pflanzenwelt ist an der Bundesvermögens­verwaltung nicht spurlos vorüber gegan­gen. War bei den ersten Zu­sammentreffen zwischen Bunkerverwaltern und Naturschüt­zern die Stimmung gereizt bis aggressiv, so hat sich die Diskus­sion heute deutlich ent­spannt. Der Tonfall ist beiderseits konzilianter geworden.

Dazu beigetragen hat das „Ko­operationsabkommen“, das im Früh­jahr 1985 zwischen dem Umwelt­ministerium Rheinland-Pfalz und der Ober­finanzdirektion in Koblenz vereinbart wurde. Seitdem wer­den die Landespflegebe­hörden an den Verfahren zur Gefahrenbe­seitigung beteiligt. „Die Landespflegebe­hörde“, so Hasso Behling von der Oberfi­nanzdirektion Koblenz, „hat Gelegenheit an der Besichtigung der ge­meldeten Ob­jekte teilzunehmen und kann dabei ihre Wünsche, Anregungen, Vor­schläge im Inter­esse des Naturschutzes äußern.“ Die Lan­despflegebehörde kann ih­rerseits die an­erkannten Naturschutzver­bände oder den Landespflegebeirat zu dem Behördenauf­trieb in Feld und Flur hinzu­ziehen.

Der Grundkonflikt bleibt aber trotz des Kooperationsabkommens bestehen. Was eine Gefahr ist und was nicht, das entscheidet alleine die Vermögensverwal­tung. In die­ses Definitionsmonopol lassen sie keine Landespflegebehörde und erst recht keinen „wildgewordenen Naturschüt­zer“ hineinpfu­schen. Überdies sieht sich die Oberfi­nanzdirektion in einem en­gen rechtlichen Korsett. Hasso Beling verweist auf ein Urteil des Bundesge­richtshofs, der - als Folge eines tödli­chen Unfalls in einem stillgelegten Berg­werksstollen im Saar­land - „ganz be­stimmte und streng zu be­achtende Grund­sätze betreffs der Absiche­rung stillge­legter Stollen“ aufgestellt habe.

Insofern ist die Position der Landes­pflege und des Naturschutzes eine Posi­tion der Ohnmacht. Sie können im Höchst­fall beeinflußen, wie eine „Gefahrenbe­seitigung“ durchgeführt wird, sie können aber keinesfalls durchsetzen, daß der be­treffende Bunker oder Stollen unangeta­stet bleibt.

Gleichgeblieben ist auch das Bestreben der Bundesbehörden, sich das Problem mög­lichst ein für alle Mal vom Hals zu schaffen. In der Regel wird bei Bunkern als „Gefahrenbeseitigung“ die vollstän­dige Zertrümmerung vorgeschlagen, bei Stollen ist es nicht selten die totale Verfüllung. Die „konkrete Gefahrenbesei­tigung“, also etwa das Abtrennen heraus­stehender Mo­niereisen, ist die Ausnahme geblieben. Sie wird meist nur bei bereits übererdeten Bunkern angewendet, wenn bei­spielsweise Ein­spülungen oder Einbrüche wiederaufge­füllt werden.

Die Naturschützer bleiben dementspre­chend unzufrieden. In einem Brief an den vorma­ligen rheinland-pfälzischen Umweltmini­ster Klaus Töpfer listete der Vorsitzende des BUND-Pirmasens, Kurt Langguth, seine Kritik an der „Gefahren­beseitigung“ peni­bel auf:

„Die Landespflegebehörden,“ so Lang­guth, „sind mit der Beurteilung der be­troffenen Anlagen in der Regel überfor­dert. Eine ökologische Gewichtung der An­lage erfor­dert die Bestimmung von bei­spielsweise Moosen, Farnen und Pilzen, die nur von Spezialisten in langwieriger Arbeit vor­genommen werden kann. Den Landespflegebe­hörden steht aber kein Untersuchungsmate­rial und schon gar keine faunistische oder floristische Kartierung der Ruinen zur Verfügung.

Hinzu kommt, daß die Begehungen zum Teil vor Beginn der Vegetationsperiode abgehalten wurden und von daher jede se­riöse Beurteilung unmöglich war.“

Dem stehe gegenüber, so Langguth wei­ter, daß die Vermögensämter kategorisch den Nachweis von seltenen Pflanzen und Tieren fordern, wenn die betreffende Ruine erhalten werden soll.

Auch Professor Günter Preuß, erster Vorsitzen­der der Pollichia, findet die derzeitigen Verhältnissen „immer noch nicht befriedi­gend.“ Er ärgert sich dar­über, daß „die Bundesbehörden lange Zeit so getan haben, als wenn der Paragraph 3 des Bundesnatur­schutzgesetzes, in dem alle Behörden und öffentlichen Stellen zum Naturschutz ver­pflichtet sind, für sie nicht existiert.“

So sieht das Landespflegerecht bei­spielsweise vor, daß bei Eingriffen in den Naturhaushalt, Ausgleichs- und Er­satzmaßnahmen vorgenommen werden müssen. Vereinfacht dargestellt heißt das, wer einen Baum fällt, muß an anderer Stelle wieder einen Baum pflanzen. Die Vermögen­sämter fühlen sich zu Ausgleichsmaßnahmen aber nicht ver­pflichtet. Sie ziehen sich darauf zurück, daß die Ruinen eine akute Gefahr darstel­len, vergleichbar etwa ei­nem morschen Ast, der über eine Straße hängt. Daß viele dieser „akuten Gefahren“ bereits seit 30 Jahren existieren, spielt dabei keine Rolle.

Den Frust der Naturschützer versuchen die Bundesbehörden durch bauliche Kompro­misse zu dämpfen. So werden beispiels­weise Bunker­hohlräume erhalten und durch den Einbau von Röhren für Klein- und Kriechtiere zu­gänglich gemacht. Die zer­kleinerten Trüm­mer werden nicht mehr ver­graben, sondern zu „Steinlesehaufen“ auf­geschichtet. Den vorhandenen Bewuchs ver­sprechen die Be­hörden weitestgehend zu schonen.

In der Praxis führen diese Kompro­missversuche oft zu neuem Unmut. So etwa nach ei­ner Bunkerzertrümmerung bei Pirma­sens-Winzeln. Eine Röhre, als hohlraumer­schließende Maßnahme gedacht, ragt dort knapp einen Meter über den Erdboden hin­aus, - zum Hochsprungtraining für Kriech­tiere, wie die Naturschützer spotten. Är­ger gab es auch nach einer Stollenversie­gelung bei Fischbach. Das Rohr, das Fle­dermäusen weiterhin freien Zutritt gewäh­ren sollte, wurde so diletantisch ver­legt, daß es schon nach dem ersten Regen­guss versandete. In anderen Fällen kam der Bewuchs, der zur Erhaltung vorgesehen war, unter die Räder der Bau­maschinen.

Schluß

 

Um die Westwall-Trüm­mer wird bei den zahlreichen Besichti­gungsfahrten hart gefeilscht. Finden Ver­mögensverwaltung und Landespflegebehörden vor Ort trotz allem keinen Kompromiß, wird das Verfahren auf der Behördenleiter nach oben geschoben: Von der Kreis- oder Stadtverwaltung zur Bezirksregierung, von dort zur Landes­regierung.

Seit knapp zwei Jahren wird so zwischen dem rheinland-pfälzischen Umweltminister auf der einen Seite und dem Bundesfinanzmini­ster sowie dem Bundes­bauminister auf der anderen Seite über das Schicksal zweier Stollenanlagen bei Busenberg und Höhfröschen verhandelt. Die Mainzer wollen die Anlagen als Überwinterungs­quartier für Fledermäuse erhalten, die Bonner fordern kategorisch die totale Verfüllung.

Der einzige Ausweg aus der Malaise: Die Stollen sind zu verschenken. Die betrof­fenen Dörfer haben es bisher allerdings abge­lehnt, das Weltkrieg-II-Erbe einfach einzugemeinden. Man sei zwar sehr daran interessiert, die Stollen erhalten zu wissen, meint dazu Höhfröschens Ortsbür­germeister Manfred Hunsicker, aber die finan­ziellen Risiken schrecken die klei­nen Gemeinden mit ihrem schmalen Budget. Die Hohlgänge sollen zwar auf Kosten der Vermögensverwaltung verplombt und mit Flugschlitzen und Kriechröhren für die tierischen Kellerkinder versehen werden, wer zahlt aber die Zeche, falls der Stol­len etwa nach der Über­nahme zusammen­bricht und neu ge­sichert werden muß?

So werden die zerfallenen Schächte in der Westpfalz wohl in Landeseigentum übergehen. Die Landesregierung hat ver­sprochen besondere Westwall-Objekte zu übernehmen und ist entschlossen, das Ver­sprechen in Busenberg und Höh­fröschen einzulösen. Zuvor verlangt das Umweltministe­rium allerdings die „Torkretierung“ der Stollen. Das heißt, für die unterirdischen Röhren wird ein Betonmantel geschneidert, der ihre Stabi­lität dauerhaft sichert. Danach können, so Ministerialrat Klaus Gienandt, die westpfälzischen Fledermäuse unter Verant­wortung der Landesregierung dunkel und frostfrei überwintern. In Busenberg ist man sich schon handelseinig, die Stollen bei Höhfröschen sind immer noch ein Streitobjekt.

Auch die Naturschützer bemühen sich um die Übernahme verschiedener Westwall-An­lagen. So möchte sich der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine besonders schön bewachsene Bunkerruine bei Maßwei­ler einverleiben. Dazu mehrere Stollen in der Umgebung von Pirmasens: Im Gers­bachtal, in der Nähe der Rehmühle und am Stefanshof. Die Bun­desvermögensverwaltung ist grundsätzlich bereit, dem Natur­schutzverband die ge­wünschten Objekte zu überschreiben. Aber die Angelegenheit entpuppt sich mehr und mehr als ein Be­hördenmarathon. Der Bunker bei Maßweiler steht auf Grundstücken in Pri­vatbesitz. Der BUND kann - so die Bedin­gung des Bun­desvermögensamtes Landau - die Ruine nur übernehmen, wenn er gleichzei­tig das be­treffende Grundstück kauft. Bei drei ver­schiedenen Eigentümern keine ein­fache Aufgabe, außerdem muß das Grundstück auf Kosten des Verbandes neu vermessen wer­den. Die Stollen befinden sich in Waldge­lände, das der Stadt Pirmasens bezie­hungsweise dem Staatsforst gehört. In beiden Fällen muß sich der BUND ein „Zuwege­recht“ erwerben, das im Grundbuch einge­tragen wird. Bislang weigert sich die Stadt Pirmasens den Umweltschützern den Weg freizumachen. Sie fürchtet, daß sie durch die Hintertür doch noch für die Stollen haften muß. Der Stollen am Ste­fanshof gehört zum Forstamt Eppen­brunn. Forstdirektor Ernst Müller hätte grund­sätzlich nichts dagegen, den Naturschüt­zern das Zugangsrecht zu gewäh­ren. Über solche Anträge muß jedoch die Forstdirek­tion in Neustadt entscheiden. Wie deren Votum ausfällt, steht noch in den Ster­nen. In Hofstätten scheiterte die Über­nahme eines Bunkers an der Weigerung des Forstamtes Johanniskreuz, das betrof­fene Grundstück zu verkaufen oder die Ruine im bisherigen Zustand weiterhin zu dulden.

Die „Verkehrssicherungspflicht,“ die mit der Übernahme der Stollen und Bunker au­tomatisch an den neuen Eigentümer fällt, drückt die Umweltschützer noch am wenig­sten. Sie haben bereits eine Haftpflicht­versicherung für die Objekte abgeschlos­sen. Die Konditionen für den Versiche­rungsschutz sind etwa mit denen für Wo­chenendgrundstücke vergleichbar.

Angesichts des Aufwands kann die Um­wandlung der Ruinen zu verbandseigenen „Naturschutz-Bunkern“ nur eine Ausnahme bleiben, darin sind sich alle Beteiligten einig. Der Bund für Umwelt und Natur­schutz Pirmasens forderte deshalb von den betroffenen Ministerien in Bonn und Mainz, die Gefahrenbeseitigung an den Ruinen einzustellen, bis das Landesamt für Umweltschutz eine naturkundliche Kar­tierung durchgeführt hat.

Aber sowohl Umweltminister als auch Fi­nanzminister lehnten die Einstellung der Gefahrenbeseitigung unter Hinweise auf die geltende Rechtslage ab. Umweltmini­ster Klaus Töpfer zeigte allerdings Ver­ständnis für die Forderungen des Umwelt­verbands: „Trotz meiner intensiven Be­mühungen finden die Belange des Natur­schutzes und der Landschaftspflege bei der Gefahrensicherung an ehemaligen Wehr­machtsanlagen noch immer nicht die aus meiner Sicht notwendige Beachtung,“ schrieb Töpfer in einem Brief an den BUND-Pirmasens.

Was passieren müsste, damit der Natur­schutz endlich die „notwendige Beachtung“ bei den Bunkerverwaltern findet, ist dem Brief des Ministers leider nicht zu ent­nehmen. Armin Osterheld, Förster auf dem Forstamt Lindelbronn, sieht die Chance nur in einem radikalen Schnitt: Die Lan­despflegebehörden bei den Stadt- und Kreisverwaltungen sollten die Trümmer übernehmen und als Naturdenkmale auswei­sen. Die Millionen, die jährlich für die Bunkerplanierung ausgegeben werden, will der Förster in eine Stiftung einbringen. Von den Zinsen könne man, meint Oster­held, die Unterhaltungskosten und eventu­elle Schadensersatzansprüche lässig fi­nanzieren.

Setzen sich die Vorstellungen des Forstbeamten durch, wäre der Weg des Westwalls vom waffenstarrenden Bollwerk zum Öko-Reservat vollendet. Vielleicht können sich auf lange Sicht auch die Kom­munen dafür begeistern, statt Luftschutz­bunkern und Militärdepots, Bunker für be­drohte Pflanzen und Tiere zu besitzen