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Laudatio für Andreas
Josef Fußer
"(.)Wir machen Inventur Da hilft kein Lamentieren, kein kritisches Bewußtsein, keine Psychiatercouch , keine Selbsthypnose: "an einer Ecke aufgeräumt/heißt Chaos in zehn anderen". Hilft die Esoterik? Fußers Text behauptet es, doch die kunstvolle Verknappung und die innere Logik der Zeilenbrüche zeigen dem aufmerksamen Leser recht deutlich, daß hier kein Anhänger irgendeines esoterischen Hokuspokus' am Werke ist: "Da hilft nur noch/ die Esoterik ,Stirb und werde'/ein Arschloch wie jedes andre auch...". "Der Fluch der Entropie" ist nicht nur einer der Schlüsseltexte in Fußers zweitem Gedichtband, er ist m. E. auch eines der eindrücklichsten Gedichte über die Befindlichkeit (um dieses unschöne Wort zu gebrauchen) unserer Zeit, unserer Gesellschaft aus der Feder eines Dichters der jüngeren Generation - ein Prädikat, das dieses Poem trotz seines kalauernden Einstiegs verdient. Von Entropie leitet sich auch der Name einer Krankheit ab - Entropium -, bei der sich die Augenlider zum Augapfel hin stülpen, meist infolge Altersschlaffheit der Lidhaut. Das Wissen um die zweite Bedeutung des Wortes ermöglicht somit eine für das Verständnis von Fußers Gedicht bzw. eines Großteils seiner Lyrik nicht unbedeutende Verständnis-Erweiterung, eröffnet seiner Dichtkuns t neue Zugänge. Die von Fußer mal bissig-sarkastisch, mal mit ironischem Gestus, mitunter auch selbstkritisch angeprangerte Selbstverleugnung, unsere Verkleidungen und Verstellungen, die - gesellschaftlich durchaus anerkannt, ja oftmals gefordert - all die unehrlichen, letztlich selbstzerstörerischen Spielchen, die zu einer psychosozialen Seuche am Ende dieses an Katastrophen reichen Jahrhunderts geworden sind, werden als eine seltsame Verweigerungshaltung diagnostiziert, eine Verweigerung vor der Wahrheit bzw. vor dem Erkennen der Wahrheit. Zu mannigfaltig sind die Ablenkungsmöglichkeiten, die uns eine moderne Kommunikations- und Unterhaltungsindustrie bietet, zu verlockend die Angebote der Event- und Adventure-Kultur , die unser tägliches Survival-Training versüßen. Doch dieselbe Schwarte wird nur neu gewendet, wir dekorieren um, auf daß es schön bunt sei für Augen und Gemüt. Auf ähnliche Weise, aus heutiger Sicht fast prophetisch zu bezeichnen, hat Andreas Fußer bereits in den 80er Jahren diese Misere geschildert, damals freilich mit einem anklagenden Unterton, der später einer gewissen Bitterkeit gewichen ist. In dem Gedicht "Von Null auf Hundert" (das in einer überarbeiteten Fassung auch im zweiten Lyrikband aufgenommen ist) heißt es: "Schließlich werden wir doch in Ehren grau/Wir habens an den Bandscheiben/Und in der Garage rostet eine Familien- sänfte/Heimlich nur erzählen wir unseren Enkeln/Von den tiefergelegten Leidenschaften/Den verchromten Begierden/Von der Lust auf das stark beschleunigte Leben(.)", Zeilen, in denen er nicht nur die Degeneration der 68er sarkastisch paraphrasiert, sondern sich auch als weitsichtiger, selbstkritischer Beobachter seiner eigenen, der heute so genannten 78er Generation erweist. Als dieser Text entstand, hatte Fußer als Redakteur des alternativen Kulturmagazins "Hinterwäldler", als Angestellter beim Bund für Umwelt- und Naturschutz, als Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Hugo Collet und als freier Journalist sowie in verschiedenen Jobs während seines Studiums bereits zahlreiche Erfahrungen und Eindrücke aus dem Berufs- und Alltagsleben gesammelt, jedenfalls mehr als die meisten seiner Alterskollegen - ein Umstand, der, neben Fußers Begabung, die Innen- und Außenwelt genauestens zu beobachten und in knappe poetische Bilder und manchmal fast lakonisch klingende Beschreibungen des Realen und Über-Realen zu fassen, die Lyrik Fußers freihält von Psychologisiererei oder besserwisserischem Agitprop. Nicht Brechts dialektisch-didaktische Poetik hat es dem jungen Autor angetan, die differenzierte Weltsicht eines Hans Magnus Enzensberger wird eher zum Vorbild, auch der bissige Charme Rühmkorfscher Lyrik schimmert bisweilen durch. Und da sind selbstverständlich die Stimmen der 60er und 70er Jahre-Poesie, eines Jim Burns eines Brinkmann, eines Theobaldy, denen der "reifere" Dichter in den neunziger Jahren gewissermaßen eine Hommage hinterherschickt, bewußt im stets ein wenig zu elegischen Ton jener Jahre gehalten, in einem wunderbar leichtfüßigen, herrlich schwebenden Kapitel seines Gedichtbändchens, "Zahnbürste und eine Notiz" betitelt und ehemalige Freundinnen, tatsächliche oder nur angebetete, unerreichbar gebliebene Geliebte, porträtierend. Autos spielen eine zentrale Rolle respektive die Rücksitze derselben, Popmusik und ihre Stars natürlich, Miniröcke, Zigaretten und Bahnhöfe - wie überhaupt die Züge, die Bahngleisen zu Chiffren für Bewegung, Ankommen, Sich-Entfernen, Welt-Erfahren geworden sind (was Wunder, wenn man weiß, daß Andreas Fußer in seinem Pendler-Dasein zwischen Rodalben und Bonn, das er in Kürze verlassen wird, eine große Zahl an Gedichten verfaßt hat, zumindest in der ersten Fassung).
"Vergeblich ritzte ich ihre Initialen Andreas Fußer, wiewohl von seinem Geburtsjahrgang 1958 her ein Angehöriger jener Generation, verweigert sich einer kurzfristigen bzw. kurzatmigen Epochen-Zuordnung. Fußer ist nämlich schwer zu fassen - als Person ebenso wie als Dichter. Man muß fast den Eindruck erwecken, als bevorzuge er das Pendlertum, als genieße er das Vexierspiel, als sei ihm eine gewisse Außenseiterposition im Kreise der Gleichaltrigen, auch der etwa gleichaltrigen pfälzischen Autoren, gar nicht so unrecht. Als ich Andreas Fußer zum erstenmal begegnete, war ich ein wenig enttäuscht, um offen zu sein. Enttäuscht ist natürlich das falsche Wort. Getäuscht wäre besser, denn getäuscht hatten mich die Klischees in meinem Kopf: Vorurteile (freilich genährt durch mannigfaltiges "Anschauungsmaterial") über "Öko-Freaks", Umweltschützer, friedensbewegte junge Leute, alternativ nicht nur im Denken, sondern auch in ihrem Habitus. Ich kannte Fußers umweltpolitisches Engagement, war auf den "Hinterwäldler" aufmerksam geworden, den der Pirmasenser Jungautor und freiberufliche Journalist damals herausgab, hatte Fußers Zeitungsserie über den Westwall gelesen (die ihm in seiner Heimat nicht nur Beifall einbrachte, wie die aufgebrachten Leserbriefe von damals zeigen) und einige Gedichte aus seiner Feder. Der dann zu uns nach Landau in den Verlag kam mit seinem Lyrik-Manuskript "Private Paradiese" (das 1989 schließlich in der, heute leider nicht mehr existenten, Reihe "Autoren Forum" veröffentlicht wurde), war ein sehr umgänglicher, chic-adrett gekleideter und frisierter 30-Jähriger, der so gar nicht dem Bild des "ökomäßig" engagierten "Hinterwäldler"-Revoluzzers entsprach. Und vor allem, das war wohl das Entscheidende für unsere fruchtbare, freundschaftliche Zusammenarbeit, fehlten Fußers Gedichten trotz allem jugendlichen Furor gänzlich jener penetrante Rechthaber-Gestus, mit dem sich junge Dichter auch heute noch allzu gerne schmücken. Hier war einer, der bei allem politischen Denken, bei allem politischen Engagement erkennen ließ, daß ihm das Drechseln von Gesinnungslyrik sehr fern liegt. Selbst knappe, dem alltäglichen Erleben entlehnte Notate gerieten bei ihm nie in die Nähe von Allerweltsweisheiten, die mit peinlichem Poetenton in lyrische Sphären entrückt werden. Fußers Texte wachsen gleichsam organisch, bei aller Lust am Formalen, an strukturellen Prinzipien steht doch im Mittelpunkt das Bemühen um die magische Sprache, um jenes zu wahrende Geheimnis, das ein Gedicht unverwechselbar macht und letztlich jeder noch so kenntnisreich angelegten Interpretationskunst ihre Grenzen aufzeigt. Fußer setzt gegen die Bilderflut unserer Zeit seine eigenen Bilder, äußere und innere, er erschafft seine poetischen Welten, die freilich, das weiß er längst, keine privaten Paradiese sein können, weil unsere selbsterschaffenen Inseln immer in der Gefahr schweben, überflutet zu werden. Die Geheimschrift der Flechten auf den Betonbrocken der Bunkerruinen am Westwall ist für Fußer Menetekel, Mahnmal und poetische Hoffnungssprache gleichermaßen. Wenn einer mit wachen Sinnen sich seine Welt erobert, wenn einer aufwächst zwischen Idylle und Apokalypse, wie Andreas Fußer in einer biographischen Skizze über seine Kindheit und Jugend in dieser westpfälzischen, von zahlreichen Umbrüchen und Verwerfungen geprägten Region schrieb, ist es fast folgerichtig, daß er in seinen Texten sowohl die ästhetisierende Technikfaszination der Futuristen nachzufühlen versucht ("Schöner als die Nike von Samothrake") als auch in manchmal betont sachlicher Sprache die schlimmen Auswirkungen und Auswüchse unseres Fortschrittsglaubens anprangert, daß er die Bläue des Himmels erträumt und zugleich vor allzu wohliger Naturbeschreibung zurückschreckt:
"(.) Im Rückspiegel
heißt es in dem Poem Landnahme.
Buchgestalter und Zeichner sind übrigens heute abend anwesend und
durchaus bereit, im Anschluß, wenn gewünscht, Bücher zu signieren und
vielleicht sogar die eine oder andere Gefälligkeitszeichnung für Sie,
liebe Literaturfreunde, hinzuzufügen. Es ehrt einen Autor über die Maßen, wenn er selbstkritisch genug ist, um nicht alle zu Papier gebrachten Gedanken, Empfindungen und Erlebnisse meint, zwischen zwei Buchdeckel pressen zu müssen sondern ein Buchmanuskript organisch wachsen läßt. Aber, lieber Andreas: Zehn Jahre sollte die neue Publikation diesmal nicht auf sich warten lassen. Die literarische Pfalz, die lesenden Zeitgenossen hierzulande und überall (so klein die Zahl auch sein mag), brauchen einen Autor wie dich und werden's dir dereinst vielleicht auch danken. In diesem Sinne meine Verbeugung, meine Anerkennung, meine Gratulation. |